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Nichts geht mehr. Ich habe diesen Zyklus an Spielberichten über den AFC Wimbledon nun abgeschlossen. Weitere Aufsätze zu diesem Thema wird es nicht geben.

Ich bin aber alles noch mal duchgegangen und habe die vielen Rechtschreibfehler ausgemerzt, zumindest die meisten. Auch ein wenig aufgebockt habe ich die Texte und noch einen Spielbericht hervorgekramt, der hier bislang nicht erschienen ist.

Um zum Punkt zu kommen: Ich habe das ganze Ding in ein E-Book geklatscht und auch eine Druckausgabe gemacht. Man kann es für 3 Euro bei Amazon holen, wenn man Bock drauf hat. Gedruckt um die 7 Euro.

Hier ist der Link (E-Book).

Und der Link zur Druckausgabe

buch afcw

Kapitel:
Das erste Spiel
It only took 9 Years
Someone Else’s Number Nine
Das St.Pauli-Problem
Tagebuch eines Groundhoppers
Wimbledon Away
Wimbledons Feinde
Terry, give us a Wink
Schande des Fußballs
Show me the Way to Plough Lane
Der Fan im Trikot
Abstiegskampf, Alter
Wimbledon Reloaded? Die Red Rebels zu Gast
Große Spiele
Herbstkrise
Nicht schon wieder
Die Ursache des Brexit
Back to Pokalfinale
Neue Kreise

 

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Neue Kreise

Kingstonian FC- Merstham FC  0:0
Isthmian League Premier – 1. Januar 2019 (15:00 Uhr)
King George’s Field/ Kingston – 366 Zuschauer

und

AFC Wimbledon – Peterborough United  1:0
League 1 – 12. März 2019 (19:45 Uhr)
Kingsmeadow/ Kingston – 3737 Zuschauer

Hallihallo und hallöle, da bin ich mal wieder. Nach 4 Jahren Pause erscheint hier also ein neuer Artikel. Diesmal berichte ich gleich von zwei Spielen. Es hat sich in der Zwischenzeit einiges getan, das gilt für den AFC Wimbledon. Das gilt ebenso für den Stammverein des Kingsmeadow – den Kingstonian FC. Ja und auch mein kleines bescheidenes Leben ist inzwischen aus den althergebrachten Fugen geraten.

Doch stellen wir mich und den AFC Wimbledon zunächst hintenan und befassen uns mit dem Kingstonian FC.

Der spielt seit nun über 1,5 Jahren nicht mehr im Kingsmeadow. Irgendwann kam an die Öffentlichkeit, daß der AFC in Verhandlungen mit dem Chelsea FC stünde. Es ging darum, das Kingsmeadow zu verkaufen und mit diesem Geld das Startkapital für einen Stadionneubau an der Plough Lane zu erzielen. Es gab ein langes hin und her, vom Kingstonian FC hörte man irgendwann genervte bis resignierte Wortmeldungen. Dahingehend, daß man seine Heimat inzwischen abgeschrieben habe. Mit der Zeit sei das Stadion nach all den Ausbauarbeiten zu groß und aufwendig geworden für einen Amateurverein wie sie es sind. Egal, ob man in Zukunft noch das Recht hätte, dort zu spielen, würde es wenig Sinn machen und man werde wohl oder übel nach etws anderem Ausschau halten müssen.

Zur Saison 2017/18 war es dann soweit, nach 28 Jahrten im Kingsmeadow wurde Kingstonian vor die Tür gesetzt. Das erste Jahr spielten sie zur Untermiete beim Ligakonkurrenten Leatherhead FC. Die spielen nicht nur außerhalb des Londoner Stadtteils Kingston, sondern in 20 km Entfernung außerhalb Londons. Das muß sich natürlich erstmal richtig scheiße anfühlen. Inzwischen sind sie zu zurück in Kingston und zwar teilen sie sich das Stadion der Corinthian Casuals, dem anderen größeren Verein des Stadtteils. Der ist ebenfalls ein Ligarivale. Ich finde, deren etwas versifftes Stadion verbreitet eine irgendwie traurige Atmospäre, aber sowas ist natürlich immer subjektiv. Immerhin, die Kingstonians können wieder freie Bürger sein und ein Bier am Spielfeldrand genießen. Das konnten sie ganz früher auch im Kingsmeadow, aber mit dem voranschreitenden Erfolg des AFC wurde das irgendwann verboten. Zum letzten Heimspiel nach 28 Jahren wurde die Hütte nochmal recht voll. Statt der üblichen 200-300 Hanseln kam eine vierstellige Zuschauerzahl zusammen und zur zweiten Halbzeit enterte der Fanblock auf eigene Faust die Sitzplatztribüne hinter dem Tor. Das machen sie im unterklassisgen Fußball immer so. Die Fans stellen sich hinter den gegnerischen Torwart, was im Kingsmeadow in den letzten Jahren nicht mehr ging, den Ausbauten sei Dank. Immerhin das können sie jetzt auch wieder machen, aber ist das ein Trost?

Am Neujahrstag lud Kingsstonian also zum Heimspiel und ich ging hin. Nicht allein, sondern mit meiner einjährigen Tochter. Anreise mit Bus und dann 15 Minuten zu Fuß neben einer Art Bundesstraße. Da rauschen die Autos in einer Höllenlautstärke vorbei, es ist so richtig ungemütlich. Im Anschluß erlebten wir ein trost- und torloses Spiel. Wenige Höhepunkte, kaum Support von den Fans und null Euphorie inklusive. Das Wetter war trist und die servierten Pommes halbgar. Mit 2 Bier im Bauch und sich dem Tageslicht anpassendem düsterem Gemüt gingen wir durch den laut brummenden Verkehr wieder zum Bus und zack, ab nach Hause. Ich weiß nicht, wie die Zukunft des Vereins aussieht. Die Gegenwart jedoch ist meiner Ansicht nach alles andere als blumig. Mit einer Siegesserie könnten sie noch oben reinrutschen, aber es sieht so aus, als würden sie mal wieder im Mittelfeld der Tabelle landen. Seit Ewigkeiten sind sie nun in der siebtklassigen Isthmian League Premier. 2014 wurde sie Zweiter, verkackten aber die Aufstiegs-Playoffs.

Bereits als Wimbledon das Stadiom kaufte, wurde etwas festgelegt. Und zwar wurde dem Kingstonian FC garantiert, weitere 25 Jahre dort spielen zu können. Tja, und falls das nicht der Fall sein würde, wurde vertraglich eine Entschädigungszahlung festgelegt. Die hat der AFC Wimbledon nicht nur gezahlt, sondern noch freiwillig etwas draufgelegt. Als der AFC das Stadion  kaufte, sackte der damalige Besitzer von Stadion und Verein (also Kinsgtonian) des Großteil der Summe ein und machte sich vom Acker. Um eine Neuauflage dessen zu verhindern, wurde die neue Überweisung mit der Auflage versehen, daß das Geld nur für eine Spielstätte der K’s verwendet werden darf, sei es zur Miete oder im Rahmen eines Stadionneubaus. Es gab immer mal wieder Gerüchte über Pläne, wieder einen eigenen Ground zu besitzen, aber bislang hat sich für den Kingstonian FC in dieser Hinsicht nichts ergeben.

Das ist natürlich ein Fleck auf der weißen Weste des AFC Wimbledon, das kann man nicht wegdiskutieren. Na klar, durch die freiwillige Zahlung eines höheren Betrags wollen sie ihr Gewissen reinwachen, jetzt mal ganz wertneutral dahingesagt. Was man letztlich davon hält, ist jedem selbst überlassen. Aus Sicht des Kingstonian FC hat nun – Geld hin oder her – wieder eine Odysse der Heimatlosigkeit begonnen, die so schnell kein Ende zu nehmen scheint.

Im März dann wollte ich mal wieder zu einem Heimspiel der Wombles, um Tschüß zu sagen. Im Kingsmeadow spielt der AFC weiterhin, bis das eigene neue Stadion fertig ist. Sie haben das Wimbledon Stadium gekauft, das für die dort ausgetragenen Windhundrennen bekannt war. Das ist ist ja bekanntlich nur 100 Meter vom alten, inzwischen abgerissenen Stadion an der Plough Lane entfernt und somit natürlich ein Traum, der da offensichtlich wahr wird. Im Kingsmeadow spielen nun auch die Chelsea-Frauen, irgendwann sollen wohl auch diverse Jugendmannschaften nachziehen, wenn ich das richtig verstanden habe. Mit zum Match wollte mein schwedischer Weggefährte Henrik kommen. Wir verabredeten uns zum Dienstagabendspiel und änderten dann doch unsere Meinung.

Aber nur so halb. Es war Schmuddelwetter und wir hatten uns lange nicht gesehen. Es gab also einiges zu besprechen. Und da man im Stadion ja das Bier nicht mit zum Spiel nehmen darf, dachten wir uns wenige Stunden vor Anpfiff: Eigentlich wäre ein Pubbesuch ja schon besser. Ich wollte aber dennoch unbedingt hin, wie gesagt, um mich vom Kingsmeadow zu verabschieden. Ich werde nämlich sehr bald in die Nähe von Newcastle ziehen. Inzwischen habe ich Frau und Kind, bald sogar 2 (Kinder nicht Frauen). Und was kann treffender sein – dachte ich mir in einer spontanen Laune – was kann treffender sein, als Abschied zu nehmen, aber doch nicht wirklich Teil der Veranstaltung zu sein. In meinen ersten Jahren in London waren die Wombles ein wichtiger Teil meines Lebens. Inzwischen habe ich mich aber doch sehr weit von ihnen entfernt. Wir beschlossen also, zum Stadion zu fahren. Ich wollte noch einmal die Atmosphäre aufsaugen, das Kribbeln des vollen Stadionvorplatzes vor dem Spiel spüren. Und dann ging es in den Stadionpub, da kann man bekanntlich auch ohne Eintrittskarte hin. So würden wir nicht nur zweimal 17 Pfund sparen, sondern auch die Zuschauer verschonen. In Überlautstärke den jeweils anderen auf den neuesten Stand der persönlichen Belange zu bringen, das nervt die Umstehenden ohnehin nur. Das haben wir dann stattdessen gemacht, während wir im fast menschenleeren Schankraum ordentlich Bier in uns hineinschütteten.

Ich muß zugeben, daß mir das mit dem Abschied nehmen nicht so recht gelungen ist. Das Gefühl, daß sich hier ein Kreis schließt, wollte sich nicht so recht einstellen. Auch für nostalgische Duselei hatte ich spontan einfach kein Gespür. Daß ich den Kreis überhaupt schließen wollte, liegt daran, daß ich nun einen neuen Kreis öffne. Da dachte ich mir, mache ich den alten besser mal schnell zu und da gehört der AFC Wimbledon schließlich ganz eindeutig dazu. Aber letztlich ist es auch egal. Nach fast 9 Jahren in London, in denen ich durchgängig im Bereich Online-Glücksspiel angestellt war, sehe ich nun einer ungewissen Zukunft entgegen. Aktuell arbeite ich an einer Art Zwischenlösung. Zum Beispiel, indem ich total gute Artikel für Seiten wie casinofm.de verfasse. Das ist Ein Casino- und Glücksspielratgeber, der von einem befreundeten Fan des VfB Oldenburg betrieben wird. Daran sieht man, daß ich aktuell zirka so viel Plan von meiner Zukunft habe, wie der Kingstonian FC.

Der neue Kreis des AFC Wimbledon soll sich wie beschrieben in absehbarer Zukunft dort öffnen wo er hingehört: in Wimbledon und mit neuem Stadion. Dann allerdings ohne Neal Ardley, der als Team Manager letztlich doch noch gescheitert ist. Wobei: gescheitert, das hört sich immer etwas blöde an. Er hat den Laden im Abstiegskampf in Liga 4 übernommen, dann wurden sie nach ein paar Jahren im unteren Mittelfeld der Tabelle auf einmal Siebter. Das mag sich erstmal nicht überragend anhören, reichte aber so gerade noch für die Aufstiegsplayoffs und die wurden dann kurzerhand gewonnen. Zweimal gelang dann sogar der Klassenerhalt, doch nun sind sie Tabellenletzter und Neal Ardley wurde nach 6 Jahren abgelöst. Damit hat er die Geschicte dieses Vereins mitgeschrieben und ihr ein positives Kapitel hinzugefügt. Unter seine Regie kam der Verein durch den Aufstieg auf Augenhöhe mit dem Feind, den falschen MK Dons. Und zur laufenden Saison hat man die falschen Dons sogar überholt, denn sie stiegen 2018 in die vierte Liga ab.  Neuer Manager ist nun Wally Downes, der zur Ur-generation der Crazy Gang in den 80er Jahren gehörte und in allen 4 Profiligen für Wimbledon spielte, damals an der Plough Lane. Erfahrung als Manager hat er wenig und trotz Sieg im letzten Spiel steht der AFC heute mit dem Rücken zur Wand. Der Rückstand auf das retttende Ufer beträgt immer noch 7 Punkte.

Während ich mich also mit Henrik ganz gut zuschüttete, diskutierten wir über Allah und die Welt und darüber wie scheiße und wie schön das Leben ist. Währenddessen wollten die blau-gelben in geschätzten 20 Metern Luftlinie den letzten Strohhalm fest in der Hand halten. So nah dran und doch bekamen wir praktisch nichts davon mit. Vom Andrang in der Halbzeitpause ließen wir uns nicht beirren und landeten am Ende bei jeweils 4,5 Pints, was 2,56 Litern Bier entspricht. Eher zufällig hatten wir kurz vor dem Schlußpfiff genug und wir gingen nach draußen. Die Tore waren nun offen und die letzte Minute konnten wir tatsächlich nochmal mittendrin sein. Etwas benebelt zwar, aber der Jubel mit dem Schlußpfiff ließ verlauten: Da haben die richtigen gewonnen. Tatsächlich, durch ein Elfertor kurz von Schluß konnte der Abstand auf 4 Punkte verkürzt werden. Geht da etwa noch was?

Bei mir hingegen wird in absehbarer Zukunft nichts mehr gehen in Sachen AFC Wimbledon. Irgendwann werde ich hoffentlich mal wieder ein Spiel sehen. Vielleicht ja dann im neuen Stadion. Ob ich dann nochmal einen Bericht darüber schreibe? Keine Ahnung, wer weiß sowas schon im Voraus… Die Verbundenheit zu diesem Verein gehört nun aber zu meinem alten Leben, insofern sollte ich eventuell auch diesen Zyklus an Spielberichten hiermit abschließen. Ob ich dazu bereit bin oder nicht, ich muß jetzt neue Kreise ziehen.

Nachtrag: Auch nach dem knappen Sieg gegen Peterborough war das rettende Ufer wie gesagt noch weit entfernt. Mit einer Energieleistung von 15 Punkten aus den verbleibenden 9 Spielen haben sie es aber tatsächlich noch geschafft. Am letzten Spieltag brachte ein 0:0 bei Bradford City den erlösenden letzten Punkt. Plymouth Argyle steigt trotz Heimsiegs in einem mitreißenden Spiel ab, aufgrund der schlechteren Tordifferenz gegenüber Wimbledon. Da Milton Keynes wieder in die League 2 aufgestiegen ist, wird es in der kommenden Saison erneut direkte Aufeinandertreffen geben.

 

Back to Pokalfinale

AFC Wimbledon – Liverpool FC  1:2
FA Cup (3. Hauptrunde) – 5. Januar 2015 (19:55 Uhr)
Kingsmeadow/ Kingston – 4784 Zuschauer

Zu behaupten, für dieses Spiel hätte es sich gelohnt, nach England zu ziehen, wäre natürlich Quatsch. Zum einen überlasse ich pathetische Überhöhungen gern der 11 Freunde-Redaktion, zum anderen war es “nur” über Strecken bombastisch und elektrisierend…

Als der AFC Wimbledon am 7. Dezember durch einen Sieg beim Ligakonkurrenten Wycombe Wanderers in die 3. Hauptrunde des FA Cups einzog, stellte dies den größten Pokalerfolg seit der Neugründung dar. Daß mit dem Liverpool FC am Tag darauf das ganz große Los gezogen wurde, war dann natürlich das Sahnehäubchen auf diesen Erfolg. In den Wochen vor dem Spiel war der Verein erneut massiv in die Medienmaschine geraten, ähnlich wie vor 2 Jahren, als es nach Milton Keynes ging. Doch diesmal unter deutlich besseren Vorzeichen, war es diesmal doch ein Spiel, dem die Fanschar frohen Mutes entgegenfieberte. Die Zeitungen waren voll von Referenzen an das 1988er Pokalfinale beider Vereine in Wembley, in dem die Dons mit schier übermenschlicher Kampfkraft und vermeintlichem Steinzeitfussball gegen die angeblich beste Vereinsmannschaft der Welt triumphierte. Auch die damals zur Legende gewordene Crazy Gang wurde wieder mal aus den Schubladen gekramt, und genau das verursachte ein paar Nebengeräusche weniger harmonischer Natur.

Der TV-Sender BT veröffentlichte eine Dokumentaion über die 88er-Finalmannschaft, die auch online zugänglich gemacht wurde und im Anschluß heftige Kritik auslöste. Die ersten 20 Minuten drehen sich darum, wie hart und einschüchternd die Mannschaft ihren Gegnern gegenüber aufgetreten war. Es wurden ein paar der Psychospielchen aufbereitet und damit abgeschlossen, daß die mit Stars gespickten Gegner es gehaßt haben müssen, gegen die Crazy Gang anzutreten. Sie wären stets mit dem Ziel, den Tag unbeschadet zu überstehen, an die Plough Lane gereist.
Die restliche Stunde verbringt die Doku ausschließlich mit Horrorgeschichten, die sich innerhalb der eigenen Mannschaft abgespielt haben sollen und hauptsächlich von den alten Kumpels John Fashanu und Vinnie Jones erzählt wurden. Einer sei auf dem Autodach festgeschnallt über die Autobahn gefahren worden, mal habe man einen Mitspieler 2 Tage lang nicht essen lassen, dann sei ein Auto abgefackelt sowie ein Kollege derart verprügelt worden, daß seine Wade mit 20-30 Stichen hatte genäht werden müssen. Es habe ein Klima der Einschüchterung geherrscht und Fashanu selbst sei der Anführer gewesen. Terry Phelan und John Scales, die 1987 als junge Spieler zum Team gestoßen waren, bestätigten diese Atmosphäre der Angst zumindest teilweise. Es sei anfangs eine persönlich schwere Phase gewesen. Sie sagten Sätze wie „Wenn ich daran zurückdenke, war es 6 Monate lang eine dunkle Zeit. Alles was ich wollte, war, von ihnen wegzukommen um ins Pub zu gehen“ oder „Ich erinnere mich, wie ich jeden Tag vor dem Training im Auto saß und mich selbst gepusht habe; denn ich wußte: wenn ich der schüchterne Junge bin, dann essen sie mich auf.“
So ziemlich alle ausser Jones und Fashanu empörten sich über sie Sendung. Es sei alles nicht so dramatisch gewesen, niemand habe geweint und kein Blut sei geflossen. Die Geschichten seien durch die Bank übertrieben dargestellt, einige gar frei erfunden. außerdem sei ihr Erfolg das Resultat harter Arbeit gewesen, fortschrittlicher Trainingsmethoden und detaillierter taktischer Analysen sowie guter Jugendarbeit. Die deutlichsten Worte fanden Ex-Trainer (bis 1987) Dave Bassett und Spieler Terry Gibson. Fashanu habe mit seinen Wortmeldungen Wimbledon verraten. Auch sei er nicht der Anführer gewesen. Vielmehr habe er als Neuzugang in der Kabine seinen Mitspielern mitgeteilt „Ich bin nicht in der Crazy Gang. Ihr laßt mich in Ruhe und ich lasse euch in Ruhe.“ Gibson fand es „unglaublich, daß Fashau und Jones immer noch das Bild harter Jungs erfüllen wollen, obwohl sie inzwischen gealterte Männer sind.“ Auch wäre es „nicht so schlimm, wenn es wahr wäre, was sie sagen, aber das meiste ist nicht wahr.“ Fashanu sei „verblendet. In Wirklichkeit haben WIR ihn akzeptiert und gleichzeitig über ihn gelacht. Er war und ist immer noch ein Clown.“ Tatsächlich wirkt Fashanu etwas seltsam. Er spricht in einer Weise, die einen denken läßt, er muss entweder ein sehr komischer Kauz oder massiv auf Drogen sein; ein wenig erinnert er in seiner Art an den Führer einer Sekte oder einer ählichen okkulten Gemeinschaft. 1990 hatte sich sein Bruder und Fussballerkollege Justin öffentlich dazu bekannt, schwul zu zu sein, woraufhin John über die Tageszeitung The Sun mitteilen ließ, sein Bruder sei ein Aussätziger (“Outcast”). Nachdem Justin sich 1998 erhängt hatte, ließ John wiederum verlauten, sein Bruder sei in Wirklichkeit gar nicht schwul gewesen, sondern schlicht süchtig nach Aufmerksamkeit.

Uebrigens haben Wally Downes und und Dave Bassett ein paar Monate später selbst ein Buch über die Crazy Gang aus ihrer Sichtweise veröffentlicht. Gelesen habe ich es bislang aber nicht.

Von der aktuellen Mannschaft hingegen war nichts zu hören. Team Manager Neal Ardley (den ich inzwischen für gar nicht so verkehrt halte) verpaßte seinen Spielern einen Maulkorb. Weder innerhalb der Mannschaft noch zu Medienvertretern sollten sie über das Pokalspiel sprechen, solange vorher noch andere Spiele anstanden. Ein Problem der Spieler jedoch war, daß sie sich plötzlich mit Kartenanfragen aus ihrem Umfeld befassen mußten. Einer der Spieler verlangte 14 Tickets, am Ende bekam jeder 2 der begehrten Zutrittsberechtigungen. Der Verein erteilte Erwägungen, das Spiel in Fulhams Craven Cottage auszutragen, eine Absage und so konnten eben nur knapp 5000 Zuschauer dem Spiel beiwohnen. Die Karten wurden zu Normalpreisen verkauft, was 14-25 Pfund für Vollzahler bedeutet. So hätten sie sicher 30.000 absetzen können, vielleicht gar deutlich mehr. Ist natürlich ein Lob wert, daß die Kartenpreise für dieses herausragende Spiel nicht angehoben wurden, allerdings erwarte und verlange ich genau das auch von einem Verein wie dem AFC Wimbledon und alles andere wäre ein ganz schöner Mist gewesen. Da ich Mitglied im Dons Trust bin, konnte ich berechtigte Hoffnung auf ein Ticket hegen. Nach den Dauerkarteninhabern war dies die zweite Gruppe in der Prioritätenliste. Vorab hieß es, der Verein wolle bis zum 22. Dezember alle Ticketgewinner informieren.

Gut gewählt hat seine Worte mal wieder Chairman Erik Samuelsson gegenüber der Zeitung Daily Mail. Es habe einige Spiele gegeben, die bedeutende Ankerpunkte darstellen und den steilen Aufstieg des Vereins seit 2002 belegen wie z.B. das erste Spiel im Pokal gegen einen Profiverein, den Aufstiegen und den Sieg in Buckinghamshire (gemeint ist – ohne den Namen der Stadt auszusprechen – Milton Keynes). Das bevorstehende Liverpool-Spiel nun stelle ein weiteres abgehaktes Kästchen dar, aber auf emotionaler Ebene sei es weit mehr als das. Es sei ein großer Schritt und erzeuge wegen 1988 enorme Resonanz. „Ist das nicht toll? Den Kreis schließen würden wir mit einem Sieg, doch diese Ansetzung allein bringt den Verein ins Rampenlicht und erinnert alle daran, wer wir sind.“

Irgendwann erhielt ich dann den erlösenden Anruf, daß mir mein Ticket zugesendet werde und auch Kollege Dominic hatte Glück. Als Nicht-Mitglied hatte er sich wenigstens vorher als Fan registrieren lassen und bekam ebenfalls ein Ticket zugelost. Es war schon ein tolles Gefühl der Vorfreude, irgendwie fühlte ich mich wie eine Art VIP, auserwählt dazu, das Spiel zu sehen, das Zehntausende sehen wollen und Hunderdtausende in ihren Bann zieht. Online wurden manche Tickets für über 200 Pfund angeboten, wenn auch insgesamt der Schwarzmarkt wohl sehr geringes Volumen hatte.

So verließen wir die Arbeit an einem kalten Montagabend gemeinsam, um zum Kingsmeadow aufzubrechen. Die Spielstätte der Dons war 2 Tage vor dem Spiel plötzlich in die Schlagzeilen geraten. Zeitungen berichteten, es gäbe einen Deal mit dem Chelsea FC, dahingehend, den Blues das Kingsmeadow unter bestimmten Umständen zu verkaufen. Dann nämlich, wenn der AFC Wimbledon in sein neugebautes Stadion umzieht, was wiederum von der Bewilligung der Baulizenz sowie des Finanzierungsplans abhängt. Aus dem Kommentar des Kingstonian FC erklang Resignation. Egal wer zukünftig Besitzer des Kingsmeadow sei, dieses Stadion sein inzwischen zu groß dimensioniert und der Betrieb zu kostenaufwendig als daß ein eher kleiner Verein wie sie selbst dies stemmen könnten. Man werde sich langfristig wohl ein neues Zuhause suchen müssen.

Am Ground angekommen war noch Zeit für 2 schnelle Pints im Vereinsheim, wo wir auf Freunde Dominics trafen. Im diesmal extradicken Stadionheft, das ich mir ausnahmsweise zulegte, wurden Gastbeiträge über die 96 Toten von Hillsborough gedruckt, verfaßt von 2 Hinterbliebenenverbänden der Opfer. 15 Minuten vor Anpfiff dann gingen wir zu zweit ins Stadion, wir hatten beide Tickets für die Steh-Gegengerade. Bereits pickepackevoll die Tribünen, so platzierten wir uns nur wenige Meter von den Gästefans entfernt. Es gab im Fanblock weder eine Choreographie, geschweige denn ein Intro oder Spruchband, aber im akustischen Support steckte ne menge Feuer und Pfeffer, was sich auch während der ersten Spielminuten nicht änderte. Bald aber schon traf Reds-Kapitän Steven Gerrard. Der hatte wenige Tage zuvor bekanntgegeben, den Verein zum Saionende nach 26 Jahren zu verlassen, nun bestritt er sein erstes Spiel nach dieser Ankündigung. Liverpools Fans waren trotz meines nahen Standpunkts kaum mal zu vernehmen, was nicht nur an der extremen Laustärke der Heimsupporter lag. 825 Tickets bekamen die Gäste zugesprochen und da die Nachfrage das Angebot um ein zigfaches überstieg, gab es unglaubliche Vergaberegeln: Auf ein Gästeticket konnte sich nur bewerben, wer mindestens 12 der letzten 13 Auswärtsspiele im FA-Cup gefahren ist. Diese 13 Spiele gingen zurück bis ins Jahr 2005, das muss man sich mal vorstellen. Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland noch nicht mal im WM-Hype und Gerhard Mayer-Vorfelder bildete eine Hälfte der Doppelspitze des DFB. Der Gesang Richtung Gesteblock “Is that all – is that all – is that all you take away?” war insofern nicht nur ziemlich lustig sondern schon auch sehr frech.

In guten Spielen habe ich es – selten – erlebt, daß die gesamte Hintertortribüne wie eine Wand Lärm erzeugt. Heute stieg sogar – in der Koordonation so gut es geht ohne Capos und Erfahrung – unsere Seitentribüne immer wieder brachial mit ein, sodaß wir wiklich in einem absoluten Tollhaus waren. An manchen Tagen besinnen sich die inzwischen so mundfaulen Tommies eben doch noch zurück auf ihre alten Stärken.

Nach 36 Minuten dann ist es soweit: In einem Gemurmel vor dem Gästetor steht Adebayo Akinfenwa goldrichtig und stochert den Ball über die Linie, woraufhin das Stadion regelrecht explodiert. Das war der vielleicht heftigste Torjubel, in dem ich jemals direkt dringewesen bin. In der Halbzeitpause bin nicht nur ich erschöpft, man sieht vielen Leuten an, daß sie im Supporten bis an ihre körperlichen Grenzen gegangen sind. Alle sind ruhig, machen höchstens ein bisschen oberflächlichen Smalltalk. Nicht aus Desinteresse am anderen oder aus Langeweile, sondern schlichtweg, um kurz neue Kräfte zu sammeln. Ich mache es nun genau wie der Spielverlauf und nehme der Wiedergabe des Spiels ein bisschen den Wind aus den Segeln. Gerrard konnte bald ein weiteres mal einnetzen und die Anfeuerung war immer noch hervorragend, aber über weite Strecken nicht mehr so brutal intensiv wie in Halbzeit 1. Größter Aufreger war gegen Ende Mario Balotelli, der sich vor unseren Augen warmlief und den einen oder anderen spöttischen Kommentar zu hören bekam, bis er schließlich doch noch ein paar Minuten spielen durfte.

Nach dem Spiel ging ich zufrieden nach Hause und das gestehe ich durchaus auch den Fans des Vereins zu. Team Manager Ardley sagte die Standard-Phrasen von wegen haben den Verein Stolz gemacht, sich gut verkauft usw. Aber natürlich muß man da eigentlich erstmal 1-2 Tage bitter enttäutscht sein, denn es wäre durchaus mehr dringewesen.

Tja, was bleibt also vom diesem Spiel übrig und worin besteht der Blick in die Zukunft? Wenn wir mal ehrlich sind, kann ich das auf emotionaler Ebene nicht so wirklich einordnen, genauso wie die Aufeinandertreffen mit Milton Keynes. Nicht weil ich den Verein erst seit 5 Jahren verfolge oder Ausländer bin, sondern ich bin schlichtweg kein Anhänger dieses Vereins. Da stecktste dann eben nich wirklich drin, so ist das. Sicher wird dieses Spiel auf sportlicher Ebene auf Jahre hinweg nicht zu toppen sein. So etwas großes kommt so schnell nicht wieder. Und selbst wenn, dann wird es nicht das erste Spiel dieser Größenordnung sein. Daß es mit dem Liverpool FC eben diese FA Cup-Vorgeschichte gibt, setzt dem ganzen eine dramaturgische und sicher auch emotionale Krone auf. Ich denke, das nächste ganz große Ding wird eben der angedachte Umzug nach Wimbledon, zurück an die Plough Lane. Das wird eine Sache – wenn es denn so kommt, es steckt aktuell in der Schwebe – die wird vielleicht größer als jedes bislang erlebte Spiel und das ist vielleicht auch das Ereignis, auf das die meisten Wimbledon-Fans nun hinfiebern.

Um kurz einen Abschlußsatz auf Papier zu bringen, das Spiel war es sicher nicht wert, nach England zu ziehen. Kann der Fussball mit seinem sozialen Umfeld prinzipiell sehr bereichernd sein im Leben eines Menschen, kann dies ein einzelnes Spiel gewiß nicht, vor allem nicht, wenn man wie ich nichtmal in dem jeweiligen Verein verankert ist. Aber sicher ist ein solches Spiel es vielleicht schon irgendwie wert, sich über Jahre hinweg dem AFC Wimbledon zugewendet zu haben. Ja, das kann ich schon so sagen, das war schon eins dieser Spiele, für die wir zum Fussball gehen.

Nicht schon wieder

Milton Keynes Dons – AFC Wimbledon 3:1
League Cup (1. Runde) – 12. August 2014 (19:45 Uhr)
stadiummk/ Milton Keynes – 7174 Zuschauer

So geräuschvoll wie zum ersten Aufeinandertreffen vor 2 Jahren war es diesmal nicht. Diesmal war es nicht der prestigeträchtige FA-Cup und das 2. Mal ist eben bei weitem nicht so aufregend wie das 1. Mal. Dennoch handelt es sich bei dieser Begegnung – egal ob FA Cup-Finale oder Vorrunde von Pimmelpokal XY – natürlich um eine brisante Partie. Diesmal fuhr ich nach etwas früherem Arbeitsende direkt mit dem Zug nach Milton Keynes, und zwar mit Arbeitskollege und Wimbledon-Fan Dominic.
Auf dem Weg schnell eine der kostenlosen Zeitungen geschnappt, da war dann doch mal ein Artikel über das bevorstehende Spiel drin. Kein Vergleich zum 1. Aufeinandertreffen, damals drehten die Medien über Wochen komplett am Rad und kriegten sich nicht mehr ein. Team Manager Neal Ardley betonte richtigerweise erneut, daß der Schmerz über das, was geschehen ist, in Wimbledons Lager wohl niemals vergehen wird.

Statt wie damals 2000 Gäste waren es diesmal nur rund 800, was aber, besonders auf einen Dienstagabend, immer noch eine hohe Zahl ist. Diesmal konnten wir uns auch unbehelligt hinstellen und etwas in die Gesänge einsteigen. Insgesamt war es anständig, natürlich mit mehr Schwäche- und Ruhephasen als rauschhaften Chants, aber es war teilweise schon laut und natürlich etwas agressiver als sonst. Leider muß ich auch zugeben, daß die Gastgeber ein paar mal vernommen werden konnten; auch wenn sie insgesamt nicht wirklich gegen die Gäste ansingen konnten. Mit einem knappen Rückstand ging es in die Pause.

Ich blieb zunächst auf der Tribüne bei Dominic sowie seinem Freund Matt und dessen Sohn. Ich hörte, wie oben im Gastro-Bereich ich, die Pausenparty steppte, und als ich dann Rauch erspähte, ging ich doch mal hin gucken. Ich bekam nur noch die letzten Züge der Feier mit, muß ganz gut geschockt haben. Eine Reihe Bullen stand da in Wartehaltung, aber doch eher abwartend-passiv, und ein paar Wenige der ausgelassenen Fans sahen so aus, als wären sie ein wenig Action nicht unbedingt abgeneigt. Hätte eine der Seiten nun provoziert, war mein Gefühl, hätte es eskalieren können, und in Deutschland wäre das wohl so gekommen. Doch dank der zurückhaltenden Bullenstrategie beruhigte sich die Szenerie schnell wieder und es ging weiter mit Halbzeit 2.

Schon weit vor Schluß war klar, daß sportlich nichts zu holen ist, die 3 um mich rum taten mir schon ein bißchen leid. Das muß wirklich übel sein, mit der Geschichte im Nacken und dann muß man bei dem Verein auch noch antreten und kriegt auf den Sack. Da Matt uns zum Bahnhof brachte und die 3 kurz vor Schluß loswollten, verpaßte ich das späte Wimbledon-Tor sowie einen anschließenden kleinen Platzsturm, bei dem aber wohl nichts weiter passiert ist. Gegen Mitternacht war ich schließlich zu Hause und fiel gerädert ins Bett. Der Hype von 2012 ist definitiv vorbei. Zwar ist auch während des Spiels nicht das ganz große Feuer zu spüren gewesen, aber an sich ist es natürlich gut, daß die ganze Veranstaltung nicht mehr so hohe Wellen schlägt.

In der folgenden Runde zog MK mit Manchester United das große Los. Diese traten zwar nicht mit der besten Mannschaft, aber doch einigen namhaften Spielern an und wurden mit 4:0 abgeschossen, sodaß MK zu allem Überfluß auch noch einiges an Underdog-Sympathiepunkten der trotteligen Öffentlichkeit bekam (siehe Sympathy for the Devil). Erst im Achtelfinale mußten die Unsympathen endlich die Segel streichen.

Im Oktober war es dann übrigens erneut soweit, Wimbledon trat tatsächlich schon wieder in MK an. Die Fans fühlten sich allmählich verarscht, doch irgendwie juckt es einen dann ja doch, beim möglichen ersten Sieg des AFC über den Abschaum dabeizusein. Es war zwar diesmal nur die Johnstones Paint Trophy, aber wie war das nochmal mit den Pimmelpokalen? Dominic fiel aus, da er gerade zum erstem Mal Vater geworden war und auch ich konnte mich allein letztlich nicht zur erneuten Fahrt durchringen.
Da der AFC Wimbledon offenbar die Nase voll hat vom Fehlverhalten seiner Fans (und damit verbundenen Strafen sowie vermeintlichem „Imageschaden“), konnte man Gästetickets (bzw. genau EIN Ticket) ausschließlich im Vorfeld kaufen und auch nur wenn man Dauerkarteninhaber oder Mitglied des Dons Trust ist. Den historischen 3:2 Auswärtssieg sahen dann letzlich nur 150 Wimbledon-Fans, die aufgrund der Platzstürme bei den beiden vorherigen Gastspielen nicht im Unter-, sondern im Oberrang postiert waren. Ein paar weitere Anhänger kamen im Stadion des AFC, dem Kingsmeadow zusammen, um dort in der Vereinskneipe gemeinsam dem Radiokommentar zu lauschen. Den Siegtreffer erzielte übrigens ein gewisser Adebayo Akinfenwa. Genau, der stark übergewichtige Angreifer, der zuvor in Diensten Northampton Towns von den Wimbledon-Fans nach meinem Geschmack etwas hart für seine Körpermaße auf die Schippe genommen wurde (vergleiche Banter). Er ist auch mit über 30 immer noch treffsicher und als nach wenigen Monaten schon Kultfigur – ein Jahreskalender 2015 mit 12 Akinfenwa-Bildern verkauft sich aktuell wie warme Semmeln.

Schade, daß ich bei diesem Spiel nicht dabeiwar, im Nachhinein ärgere ich mich natürlich, schließlich hätte ich als Dons Trust-Mitglied ein Ticket buchen können . So oder so, auch wenn beim nächsten Duell der beiden dieses sensationsgeile Gefühl noch stärker abgeschwächt sein wird (von wegen „einzigartiges Derby“) – nicht nur der Schmerz, auch der Haß wird wohl nicht vergehen, bis dieser Verein vom Spielbetrieb entfernt wird.

schaebig

Der Ort, der weiterhin fuer viele Fans eine No-go area bleibt, ist inzwischen komplett versitzplatzt worden

 

 

Herbstkrise

AFC Wimbledon – Accrington Stanley  1:1
League Two – 12. Oktober 2013 (15:00 Uhr)
Kingsmeadow/ London – 4585 Zuschauer
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Nach langer Zeit hatte ich einfach mal wieder Lust auf ein Wimbledon-Spiel. Dank unüblich langer Busfahrt erst 5 Minuten vor Anstoß da und dann erspähte ich auch noch ein Schlange, die über 50 Meter lang war. Es war eine Art Aktionstag mit Tickets für 10 Pfund und so einen Andrang kurz vor Spielbeginn hatte ich noch nie gesehen. So war ich letztlich froh, 5 Minuten nach Spielbeginn überhaupt noch reinzukommen.
Übrigens war das Anti-Homophobie-Banner im Stadion bzw. die englischsprachige Version davon. Das wurde vorher auf der Website angekündigt, man sei der erste englische Verein, der an der Aktion teilnimmt. Letztlich bin ich mir aber nich sicher, ob es von Vereinsleuten oder von Fans initiiert wurde. Wie auch immer, das Banner – eine 1:1-Kopie der deutschen Version, mit den 2 jungen Burschen, die sich küssen, hing während des Spiels über dem Tempest End. Vereinzelte sexistische Rufe gab es in den 90 Minuten trotzdem, wie meistens. Aber gut, die Aktion war ja schließlich nicht gegen Sexismus, sondern gegen Homophobie. Support war zu Beginn – eigentlich das ganze Spiel über – vorhanden. Nicht unterirdisch, aber um Welten schlechter, als ich es bereits das eine oder andere mal erlebt hatte. Nichtsdestotrotz natürlich schön, mal wieder in einem Fanblock zu stehen und die Gesänge mitzutragen.
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Ich war skeptisch und hielt nicht viel von Wimbledons neuem Team Manager Neal Ardley. Seit Anfang des Jahres lief die Initiative „We are Wimbledon“. Fans gehen bei anderen Fans betteln, um teurere und somit bessere Spieler anheuern zu können. Als Ziel wurden 400.000 Pfund ausgegeben, was mir allenfalls ein müdes Lächeln abrang. Zur neuen Saison wurden mit 70.000 Pfund aber deutlich mehr Kröten einkassiert, als ich erwartet hatte. Dadurch überschreitet das Playing Budget übrigens zum ersten Mal ein Million Pfund, was wohl einen durchschnittlichen Jahresverdienst von 30-40 Tausend Pfund pro Spieler macht. Immer noch in der unteren Hälfte der Liga, aber immerhin…
Bis Ende September sah es so aus, als würde ich eines besseren belehrt. Mit 16 Punkten aus 8 Spielen stand man auf Platz 3, dann folgte der Beginn der inzwischen traditionellen Herbstkrise, sodaß vor dem Heimspiel gegen den Tabellenletzten (2 Punkte aus 10 Spielen) ein Mittelfeldplatz zubuchesteht. Stewart und sein Kumpel, die ich vom Sehen kenne, sagten mir, die letzten beiden Spiele seien eine Katastrophe gewesen. Und auch heute war es unterirdisch, was die Spieler auf dem Platz ablieferten. Nach desaströsem Gekicke mit 0:1 in die Pause. Accrington kurz vor der Halbzeit mit einem Platzverweis, spät glich Wimbledon aus, das war ganz schwach. Die Herbstkrise war somit Gewißheit – und jährlich grüßt das Murmeltier.
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Nach dem Spiel ging ich auf ein Getränk in den Schankraum. Ich lief beim Rauchen 4 Fans in die Arme und kam irgendwie ins Gespräch mit ihnen. Sie waren einigermaßen unsympatisch, einer von ihnen mit Ratenbrause-Pulli, alter. Im Zuge des Smalltalks – blabla ja ich bin aus Deutschland und wohne hier etc – kamen wir auf die Anti-Homophibie Kampagne zu sprechen, die ja aus meinem Land kommt. Sie äußerten sich abfällig daruber und geizten nicht mit als Scherz getarnten Kommentaren, die stereotype Ressentiments gegen Schwule in Reinform aufgriffen. Anstatt dumm rumzudiskutieren, sprach ich den Rattenbrause-Penner auf seinen Pulli der Schande an. Der Stoff gehöre nicht ihm, er habe ihn sich von einem Freund geliehen. Und nein, er unterstütze Red Bull nicht und werde den Hoodie in Zukunft ohnehin nicht mehr tragen.
Als ich im Dezember wieder mal da war beim Heimspiel gegen Plymouth Argyle verstärkte sich mein schlechter Eindruck zusätzlich. Der Gästekeeper hatte ein paar Jahre im Knast verbracht, da er im Suff mit überhöhter Geschwindigkeit 2 Kinder totgefahren hat. Nicht gerade wenige Wimbledon-Fans um mich herum machten sich während der zweiten Halbzeit einen Spaß daraus, ihn deswegen aufzuziehen. Dies taten sie nicht etwa, um ihm zu zeigen, wie verwerflich sie sein Verhalten finden, sondern aus Lust am Pöbeln und Leute-Verletzen. Nach 45 Minuten Rufen und Gesängen weit unterhalb der Gürtellinie kassierte Wimbledon den späten Ausgleich. Einige Fans konnten ihre Schadenfreude dem vor ihrem Block spielenden Gegner nicht verbergen, der laute Gesang „You’re still a murderer“ brachte dies deutlich zum Ausdruck. Das nennen sie in England Banter. Unter Banter versteht man Pöbeleien und Beleidigungen, die offiziell als Spaß gemeint sind, und dabei sind sie wirklich schmerzfrei. Die übelste Schmähung, das schäbigste Mobben wird landläufig für akzeptabel gehalten, solange man seine Gemeinheiten formal als Banter ausweist.
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Im Kalenderjahr 2013 begab ich mich auf eine Entdeckungsreise in Sachen Fußball. Zunächst schaute ich mir einige Spiele eher höherklassiger Vereine an. Millwall, Barnet, Crystal Palace. Als die Eagles (Adler) in die Premier League aufstiegen, fand ich deren Fanszene schon nicht mehr so faszinierend. In den ersten Spielen war ich begeistert von den Holmesdale Fanatics, der wohl größten Ultraszene Englands. Doch ich mußte einsehen, daß diese art von Fankultur hierzulande wohl kaum funktionieren kann. Dann begab ich mich in die kleineren Stadien, schaute viel unterklassigen Fußball.
Ich lernte den Clapton FC kennen, der in der 9. Liga eine kleine wilde Antifa-Fanszene hat, klapperte einige Vereine ab, zu denen weniger als 100 Leute kommen. Ich mag dieses Kribbeln, die kleine Aufregung vor dem Besuch eines unbekannten Amateurvereins. Wie wenige Zuschauer würden erscheinen? Wie ist das Stadion? Werde ich dem einheimischen Stammpublikum auffallen? Werde ich  – frei nach einem Bericht Juris im Spoony – mit Forken aus dem Vereinsheim gejagt oder erlebe ich nach einem Heimsieg epische Verbrüderungsszenen auf der Feier meines Lebens?
In den meisten Fällen ist das Stadion „nicht soo schlecht“ und ich werde von den Einheimischen komplett ignoriert. Dann stehe oder sitze ich irgendwo alleine rum, versuche, so auszusehen, als würde ich irgendwie dazugehören und starre auf ein Fußballspiel, das vor meinen Augen in Zeitlupe abläuft. In letzter Zeit kommt auch zu den Amateurspielen manchmal ein Freund mit, oder aber es ist Besuch aus Deutschland da. Dann macht da ganze deutlich mehr Spaß.
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Und ich lernte Dulwich Hamlet kennen. Nach der Arbeit hatte ich mich damals zu meinem ersten Hamlet-Heimspiel am Abend begeben. Ich hatte zuvor an einem Bahnhof in der Nähe – im etwas südlichen, aber noch recht zentralen London nahe der Themse – mal einen Sticker des Vereins gesehen, das ist ja eher ein gutes Zeichen und so standen sie auf meiner dringenden Zu-Sehen-Liste. Zu meiner Überraschung konnte man sein Bier (oder anderes alkoholisches Getränk) überall verzehren, außer bei Hemel Hempstead außerhalb Londons war mir das zuvor bei keinem Verein hier aufgefallen. Sensationellerweise haben die Gastgeber sogar ihr eigenes gezapftes Bier namens Hamlet Lager. Auch wenn ich kein großer Biertrinker bin, selten habe ich ein Blondes so sehr genossen, wie an diesem Tag in der schimmernden Abendsonne am Spielfeldrand. Die Mannschaft spielte begeisternden Offensiv-Fußball und fertigte die Cray Wanderers mit 4:0 ab.
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In der Folgezeit habe ich einige Vereine besucht, bei denen man wie ein freier Mensch trinken kann. Sind es in der 7. Liga vielleicht 20-30% der Vereine, findet man in den 9. Ligen mehrheitlich gute Gastgeber. Beim AFC Wimbledon, so wird mir erzählt, konnte man im Stadion überall ein Getränk genierßen, bis sie in die sechstklassige Conference South aufstiegen. Diese gute alte Zeit habe ich leider nicht mehr miterlebt.
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Doch zurück zu Dulwich, um die 10% der ca. 600 Anwesenden formierten einen Fanblock jeweils auf den 3 Stufen hinter dem gegnerischen Schnapper, und sie boten einen relativ guten, kreativen und witzigen Support. Sie schmückten dabei ihren Bereich mit zahlreichen Zaunfahnen, gehalten in den Vereinsfarben pink und blau. Dulwich Hamlet war in der Geschichte des englischen Fußball übrigens stets einer der großen Amateurvereine und Spiele im damaligen Champions Hill-Stadion fanden oft vor einigen Tausend Zuschauern statt.
Ich mag ihre Art von Anfeuerung, getragen von 20 bis 70 Leuten in der Spitze. Beispiele gibt es genug, in einem Gesang heißt es in Anlehnung an Millwall berühmtes No one likes us „No one knows us, no one knows us, no one knows us – we don’t care“, ein anderer ist auf deutsch (mit englischem Akzent) und geht „Über alles – Über alles – Dulwich Hamlet – Über Alles“. Letzterer ist vermutlich Resultat der Kontakte zu den Fans von Altona 93. Vor ein paar Jahren war mal ein Dulwich-Fan zufällig bei denen und knüpfte Kontakte. Im Frühjahr 2013 dann fielen schließlich 50 Hamburger beim Heimspiel in London ein.
Wenn man sich den Fanhaufen genauer anschaut, erspäht man ein paar ganz nette Freaks. Da gibt es einen Metaller mit langen Haaren und komplett in schwarz inklusive Shirts irgendwelcher Bands und hat einen pink-blauen Schal ums Handgelenk. Da gibt es etwas älteren schwarzen Kerl mit Rastas, der immer irgendeinen Overall aus dem Verkleidungsgeschäft spazierenträgt. Da ist der leicht autistisch wirkende Typ, der bei jedem Wetter einen pink-blauen Helm aufhat. Da gibt es den Typ Rocker mit Dulwich-Fankutte, der immer eine Art „Schwenkfahne“ aus pink-blauen Plüsch dabeihat. Und sie alle feiern und springen inmitten einiger normaler Leute gemeinsam fröhlich umher, freuen sich ihres Lebens, des Fußballs und des guten Wetters. Dabei wird keine große Sache daraus gemacht, es wirkt wie selbstverständlich, daß alle  – egal wie schräg oder normal – dazugehören und weder ausgeschlossen werden noch besondere Aufmerksamkeit bekommen.
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Beim AFC Wimbledon schaue ich gerne immer mal wieder vorbei. Entweder wenn ein wirklich bedeutendes Spiel anliegt oder aber ich habe einfach Lust und nicht besseres zu tun. Die Zeiten, in denen der Verein ein guter Teil meines Wochenendprogramms war, sind vorbei. Das ist zum einen super, ich habe in London in der Zwischenzeit fußgefaßt.
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All diese Anflüge von Groundhopping wären gar nicht erst zum Vorschein gekommen, wenn ich beim AFC Wimbledon meinen Platz gefunden hätte. Als ich Anfang 2006 nach 1,5 Jahren in Oldenburg damit anfing, halbwegs regelmäßig zum VfB zu gehen, ging ich nicht allein. Zunächst verbrachte ich die Spiele mit 2 Leuten, die ich kennengelernt hatte, auf der Rentner- und Mecker-Tribüne. Ende des Jahres war ich bereits voll integriert in die Fanszene und deren Aktivitäten während sowie außerhalb der Spiele. Diese Möglichkeit gibt es hier nun nicht und auf Dauer wurde es mir zu langweilig, immer wieder allein auf weiter Flur zu sein.
Die Leute gehen mit ihren Freunden zu den Spielen und es gibt so etwas wie ein Aufangbecken für Neuankömmlinge einfach nicht. Man bleibt mit seinen Freunden weitestgehend unter sich, oder wie in meinem Fall eben, komplett allein. Es gibt 2-3 Leute, denen ich Hallo sage, und wenn Dominic mal zu einen Spiel fährt, fahren wir zusammen, wenn es sich denn ergibt. Doch ein Teil des ganzen zu sein, Tage und Abende voller Geselligkeit zu verbringen, das ist leider Fehlanzeige. Es gibt ein paar wenige Organisationen, wo sich ein paar Fans zweckmäßig zusammentun, etwa für das Fanzine und historische Zeitschriften oder die Fanvereinigung WISA. Doch für mich – oder auch jüngere Fans, die neu hinzustoßen – gibt es kein niemanden, der einen an die Hand nimmt, um die Fans langfristig in den Verein zu integrieren.
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Das ist zum anderen schade, läßt sich aber aktuell nicht ändern, schon gar nicht von mir. Ich werde immer mal wieder hingehen, aber mehr wohl auch nicht. Dominic fragte mich neulich, ob denn der AFC nicht mein Lieblingsverein in England wäre. Ich druckste etwas herum und am Ende stotterte ich heraus, sie seien immer noch mein Lieblingsverein im englischen Profifußball. Daß sie mein Herz hätten gewinnen können, diese Chance aber verspielt haben, behielt ich in dieser Deutlichkeit lieber für mich.
afcw homophobie

Football Fans against Homophobia: Bislang einmal schrie ein Fan direkt hinter mir tourette-mäßig schwulenfeindliche Beleidigungen raus. Nach 2 oder 3 Minuten Krakeele bat ich ihn um Mäßigung woraufhin er sich peinlich beruehrt entschuldigte. Warum er sowas brüllt, obwohl er sich dann anschließend schämt, blieb sein kleines Geheimnis.

Große Spiele

Millwall – AFC Wimbledon 2:1
League Cup (1. Runde) – 6. August 2013 (19:45 Uhr)
The Den/ London – 4443 Zuschauer

Das Stadion ist und bleibt schön, gerade in einsetzender Dunkelheit. Der Gästebereich mit knapp 2000 fast ausverkauft, es kristallisierten sich 2 kleine Steh-/Supportblöcke heraus, die allerdings keine Bäume ausrissen. Mit 0:1 aus Sicht der Gäste ging es in die Pause, in der Henrik und ich ein Bier meinem neuen Arbeitskollegen Dominic, seines Zeichens Wimbledon-Fan, tranken. Nach 70 Minuten erhöhte Millwall auf 2:0 und die Messe schien gelesen. Übrigens kam es zu einem kleinen Vorfall. Zum ersten mal sah ich ein bißchen Wimbledon-gemachten Rauch aufsteigen, was ich natürlich sehr nett fand. Ich habe den weiteren Verlauf nicht gesehen, Dominic stand nah dran und berichtete mir später, Ordner wären rangekommen und wollten dann wieder unverrichteter Dinge wieder abziehen. Doch ein paar Jugendliche verfolgten und schubsten sie so heftig, daß die Ordner ernsthaft in Gefahr gerieten. Daraufhin wurden die Youngster eingesackt und ihnen steht nun wohl ein bißchen Ärger ins Haus. Schade, nunja ich kann es nicht beurteilen, da nicht gesehen.

Das Gastspiel in Bermondsey kann man nicht wirklich als grosses Spiel bezeichnen. Zwar hat Millwall einen recht starken Ruf, doch das rührt wohl eher vom prestigeträchtigen Mythos seiner Fans zu den großen Zeiten des Hooliganismus her beziehungsweise bzw. von dessen kommerzieller Aufarbeitung im neuen Jahrtausend. Ich habe ein paar Heimspiele gesehen und sie waren zwar ganz nett, doch eine riesige Hausnummer ist Millwall nicht. Nach einem kurzen Gastspiel im Oberhaus vor etlichen Jahren pendeln sie seit geraumer Zeit zwischen Zweit- und Drittklassigkeit. Zu den Spielen in der zweitklassigen Championship kommen aktuell oft weniger als 10.000 Zuschauer. Support ist sicher vorhanden und es kann schon laut und mitreißend werden; markant ist eine Art kollektives Schreien oder Kreischen. Das hört sich dann an, als wäre man inmitten eines Bienenschwarms gefangen, ein bißchen wie die Vuvuzelas der WM 2010, aber deutlich angenehmer. Naja, oft kommt aber auch nur ein bißchen heiße Luft.

Anders war die Sachlage im November 2009. Als die Dons damals in der 1. Hauptrunde des FA-Cups bei Millwall antraten, war es in der jungen Geschichte des neuen Vereins das mit Abstand größte Spiel zu diesem Zeitpunkt.

Millwall FC – AFC Wimbledon 4:1
FA Cup (1. Hauptrunde)
The Den/ London
9. November 2009, 9500 Zuschauer

Ein Jahr zuvor hatten sie das erste Mal die erste Hauptrunde erreicht. Frisch in die sechstklassige Conference South aufgestiegen war der Viertligist Wycombe Wanderers eine Nummer zu groß. Vor 4500 Zuschauern verloren sie im Kingsmeadow klar mit 4:1. 2009 nun setzten sie sich in der letzten Qualifikationsrunde durch, im Wiederholungsspiel konnte Crawley Town bezungen werden. Nur 6 Jahre zuvor hießen die Gegner in der Combined Counties League unter anderem Raynes Park Vale FC und Colliers Wood United; die kann man vom Kingsmeadow aus gemütlich zu Fuß erreichen. Die Strecken dorthin bewältigt man, auch wenn man an jeder Abbiegung anhält, um einen Korn zu trinken, in gut einer Stunde. Nun ging es also wieder zurück ins namhafte Fußballgeschehen. Millwall war im Sommer zuvor erst im Finale der Aufstieg in die Championship verwehrt geblieben – in der Saison 09/10 waren sie erneut ein Spitzenteam in League One und sollten es schließlich packen. Stolze 3.300 Wimbledon-Fans kamen ins Stadion nahe der London Bridge und konnten bis kurz vor Schluß auf die Sensation hoffen. Nach 80 Minuten fiel nämlich der Anschlusstreffer zum 1:2, doch am Ende ging dem frischgebackenen Fünftligisten die Puste aus. Dennoch, dieses Spiel wurde mir Jahre später als eines der ersten großen Highlights in der Geschichte des neuen Wimbledon genannt.

AFC Wimbledon – Luton Town 0:0 (4:3 nach 11-Meter-Schießen)
Conference Play-Off-Finale
Manchester, City of Manchester Stadium
21. Mai 2011, 18000 Zuschauer

Nur 2 Jahre nach dem Aufstieg in die Conference fanden sich die Dons im Finale um den erneuten Aufstieg wieder. Gegner Luton reiste ebenfalls aus Südengland an, sodaß die Wahl mit Manchester als Austragungsort etwas unglücklich ausfiel. Die Hatters aus Luton können auf eine grosse Historie verweisen. 1992 stiegen sie aus der Erstklassigkeit ab, just in dem Moment, als die Premier League gegründet wurde. Noch 2007 waren sie in der zweitklassigen Championship, bevor es dann steil bergab ging. Sie stellten 2/3 der Zuschauer beim Aufstiegsfinale, 6.000 (darunter meine Wenigkeit) wollten gelb und blau aufsteigen sehen. Wäre das Spiel in London gestiegen, ich glaube es wären mehr als 40.000 Zuschauer geworden. Nach wenigen Schockmomenten auf beiden Seiten konnte Wimbledon im 11-Meter-Schießen die Rückkehr in die Football League eintüten. Luton Town übrigens hat 2010, 2011 sowie 2012 jeweils den Aufstieg im Finale verpaßt. Ihr Scheitern gegen York City im Mai 2012 war dabei mein bislang einziger Besuch im Wembley-Stadion. In der aktuellen Saison sind sie aktuell Tabellenfuehrer bei einem Zuschauerschnitt von knapp 7.000. Damit haben sie etwa doppelt so viele Besucher wie Grimsby Town, dem Zweiten in der Zuschauertabelle.

Milton Keynes Dons – AFC Wimbledon 2:1
FA Cup, 2. Hauptrunde
Milton Keynes, stadium: mk
2. Dezember 2013, 16.459 Zuschauer

Das Spiel, das wohl früher oder später kommen musste und das die meisten Wombles nicht wollten: Ein Aufeinandertreffen mit dem Verein, der den Wimbledon FC hinrichten wollte und dessen Platz einnahm. Interesse weckte die Partie nicht nur bei den beiden Anhängerschaften; ganz Fußball-England blickte auf dieses delikate Duell. Mancheiner sprach gar vom größten Zweitrundenspiel in der Geschichte des FA Cups. Wochenlang ergötzten sich die Medien am Leid der Wimbledon-Fans, die sich die Frage stellten, was angebracht sei, Hinfahren oder Boykott – und nicht selten schwärmten die Berichte von einem vermeintlich prestigeträchtigen Duell zweier großer Rivalen. An einem sonnigen Dezembertag fanden sich letzlich 4.000 Gäste ein und mußten mitansehen, wie ihr Team in den letzten Minuten verlor. Das Böse hatte wieder einmal gesiegt.

Doch nun ist auch dieses Spiel überstanden und Geschichte und es scheint als hätte der Retortenklub aus der Retortenstadt seitdem nicht viel an Abneigung eingebüßt. Wimbledon hat es überstanden und es geht weiter. Weiterhin in League Two spielend, der Klassenerhalt wurde denkbar knapp erreicht. Der größte Gegner in der Liga heißt nun Portsmouth FC. Der Verein von der Südküste hat 2008 den FA Cup gewonnen, 2010 begann die lange Odyssee abwärts mit dem Abstieg aus der Premier League. Trotz finanzieller Probleme und einem Fall ohne Boden haben sie noch immer einen Zuschauerschnitt von zirka 15.000, beim Heimspiel gegen die Dons im Februar 2014 waren es 16.000 inklusive 2.000 angereisten Gästen. Ein anderes recht großes Ereignis war erneut Wimbledons Erstrundenmatch im FA Cup. Gegner im Heimspiel war immerhin Coventry City und es herrschte totales Verkehrschaos. Die Nr. 1 im Tor steckte im Stau fest und so kam Seb Brown nach langer Zeit mal wieder zu einem großen Einsatz. Beim Stande von 1:0 kassierte er durch einen haarsträubenden Patzer den Ausgleich und am Ende verloren die Dons mit 1:3. Ich habe das Spiel nicht gesehen, doch seitdem sind wird über den Fan im Tor leider wenig Positives erzählt.

Gegen einen Premier-Leagisten haben die neuen Dons noch nicht gespielt. Man wird sehen, was die Zukunft bringt, irgendwann wird es sicher soweit sein, auch wenn der Daumen der aktuellen Entwicklung nicht unbedingt nach oben zeigt. Interessant an diesem Verein allerdings ist, dass er in der Tat diese doppelte Geschichte schon früher hatte. Es ist nicht so, daß der Wimbledon FC stets im großen Fußball zuhause war und sich im Jahre 2002 plötzlich in Gefilden vorfand, die er zuvor nie gesehen hatte. Als englische Klubs Europa dominierten und der Hooliganismus auf der Insel langsam aber sicher aufbrandete, hatten die Spieler Wimbledons noch immer andere Hauptberufe. Viele der Gegner in den ersten Jahren nach der Neugründung waren altbekannte Rivalen – wenn auch so altbekannt, daß sie außer wenigen Rentnern, die dem Verein seit vielen Jahrzehnten die Treue halten, niemand aus eigener Erfahrung kannte.

Bishop Auckland FC – Wimbledon FC 2:1
FA Amateur Cup (Finale – Wiederholungsspiel)
London, Stamford Bridge
20. April 1935, 30.000 Zuschauer

Der 1889 als Wimbledon Old Central FC gegründete Verein benannte sich 1905 in Wimbledon FC um und schon bald bildeten sich im Englischen Fußball professionelle Strukturen heraus. Die Dons waren daran nicht sonderlich interessiert und zogen es vor, im Amateurfußball zu verbleiben. Sie spielten in der Isthmian League, die wohlgemerkt nicht ins professionelle Ligensystem integriert war – ein Aufstieg in den landesweiten Spizenfußball war nicht möglich und auch nicht gewünscht. Gleichwohl muß man feststellen, daß der Amateurfußball in England damals ein vielfaches mehr an Prestige und Zulauf hatte als in Deutschland und natürlich auch als im heutigen England. Zum Final-Wiederholungsspiel 1935 um den FA Amateur Cup kamen immerhin beachtliche 30.000 Zuschauer. Das FA Cup-Finale der Profis eine Woche später sahen übrigens 90.000. Im Vergleich zum White Horse-Final 1923, das Schätzungen zufolge zwischen 240.000 und 300.000 Menschen sahen, ist das natürlich immer noch wenig. White Horse-Final heißt es, weil vor dem Anpfiff ein Polizist mit seinem weißen Pferd Billie über den Rasen ritt, um die Menschenmassen von diesem zu vertreiben – doch zurück zu Wimbledons Finale. Das erste Spiel in Middlesbrough – grob in der Nähe Bishop Aucklands gelegen – endete torlos, so musste also ein zweites Spiel her. Es liegt auf der Hand, daß die meisten der Anwesenden die Dons favorisierten, doch das Spiel ging verloren und die Trophäe wanderte in den Norden Englands. Die Sieger von 1935 spielen nun seit Ewigkeiten im Halbprofibereich, aktuell in der Northern League Division 1. Zu den meisten ihrer Heimspiele in der 8. Klasse strömen 200-300 Zuschauer.

Leytonstone FC – Wimbledon FC 2:1
FA Amateur Cup (Finale)
London, Highbury
19. April 1947, 47.000 Zuschauer

Viermal gewann Wimbledon vor dem Krieg den Titel der Isthmian League, der stärksten lokalen Amateurliga. Zu den bedeutsameren Heimspielen erschienen bis zu 20.000 Zuschauer an der Plough Lane. Damit war man unzweifelhaft einer der großen Amateurklubs in London und Umgebung und heißer Anwaerter auf einen Erfolg im Amateur FA Cup, in welchem Vertreter aus dem ganzen Land antraten. Dennoch hatte es wieder nicht sollen sein. Der nach Sutton United zweite Sieger der Nachkriegszeit hieß Leytonstone FC. Beide Kontrahenten hatten einige Kriegskämpfer in der Mannschaft, die Wombles unter anderem Harry Stannard, der in den Jahren vor- und nachher ihr erfolgreichster Torjäger war. Sein Führungstreffer wurde vor den gutbesetzten Doppelrängen bereits vor der Pause umgedreht. Leytonstone, damals noch knapp nordöstlich Londons gelegen, hat seinen Verein inzwischen leider verloren. Über viele Umwege entstand der heutige Dagenham & Redbridge FC, der wie Wimbledon in League Two kickt. Der einst so stolze Leytonstone FC wurde als ein Vorläufer unter vielen mehr oder minder aus dem Gedächtnis gestrichen.

Wimbledon FC – Sutton United 4:2
FA Amateur Cup (Finale)
London, Wembley Stadium
4. Mai 1963, 45.000 Zuschauer

16 Jahre später war es dann endlich soweit, die Dons errangen den Pokal im dritten Anlauf. Es handelte sich damals übrigens nicht um ein Südlondon-Derby, Sutton und Wimbledon wurden beide erst 1965 Teil des neugegründeten Konstrukts Greater London. Der Pokalsieg markiert den krönenden Abschlußpunkt Wimbledons langer und erfolgreicher Historie in Englands Amateurfußball. Denn nach weiteren 4 Nachkriegstiteln in der Isthmian League versuchte Vereinschef Sidney Black bereits 1962 und 1963 Zugang zur Southern League zu erhalten, einer semiprofessionellen Liga, die in die „reguläre Ligenpyramide“ der Profivereine eingebunden war, wenn auch auf etwas obskure Weise. Auch dies klappte im dritten Anlauf und so spielte der Wimbledon FC 1964/65 in der Southern League Division One, wo man sogleich in die „richtige“ Southern League aufstieg. Der Wechsel in die Southern League war ein großer Schritt, der manchem nicht leichtfiel. Zuvor hatten einige Spieler das olympische Fußballteam Grossbritanniens repräsentiert. Mit dem Wechsel in den Halbprofi-Bereich war dies fortan nicht mehr möglich. Zentrale Triebfeder des Wechsels war Sidney Black selbst. Er wollte zu neuen Ufern aufbrechen und den Verein professioneller gestalten. In diesem Zusammenhang wurde eine Abstimmung vorgenommen, die sich Jahrzehnte später als folgenreicher Schritt herausstellen sollte.
Am 7. Juli 1964 wurde von den Mitgliedern beschlossen, den Verein in eine Unternehmensform zu überführen. Bei nur 6 Gegenstimmen war somit entschieden, 4000 Anteile zu jeweils 5 Pfund zu verkaufen, wobei alle 242 Vereinsmitglieder einen Anteil kostenlos erhielten. Black selbst sicherte sich sofort den Großteil der Anteile und ging somit als erster faktischer Besitzer des Wimbledon FC in die Geschichte ein.

Leeds United – Wimbledon FC 0:0
FA Cup (4. Hauptrunde)
Leeds, Elland Road
25. Januar 1975, 46.000 Zuschauer

Nach guten Saisonergebnissen in der Southern League sollten die Dons 1975 erstmals die Liga fuer sich entscheiden. Im Winter dieser Saison hatten sie außerdem einen famosen Lauf im Pokal, als sie in der 3. Runde den Burnley FC niederrungen. Das war eine Sensation. Der Underdog aus der semiprofessionellen 5. Spielklasse gegen einen Erstligisten, und es kam noch besser. Mit Leeds wartete in Runde 4 kein geringerer als der amtierende englische Meister. Ein damaliger Vereinsangestellter berichtet nicht ohne Stolz, wie er zu den Spielen in Burnley und Leeds erstmals Sonderzüge für die Fans organisierte. Damals war das ein großes Unterfangen, das nur über Kontakte zu Bahnangestellten, aufwendige Planungsmeetings und das Akzeptieren eines großen finanziellen Risikos zu stemmen war.
Kurz vor Schluß stand es in Leeds 0:0 und da passierte es: Wimbledons Dave Bassett verursacht einen Strafstoß und Torhüter Dickie Guy zerreißt es innerlich vor Wut auf seinen Teamkameraden. Doch das Wunder geschieht, Guy hält und es kommt zum Wiederholungsspiel. Leider muß dieses im Selhurst Park ausgetragen werden – vor 45.000 Zuschauern ist es erneut Dave Bassett, der patzt. Sein Eigentor verhindert die größte Sensation der Pokalgeschichte, der Traum ist aus. Mit einem 1:0-Zittersieg zieht der Meister in die nächste Runde ein.
Nichtsdestotrotz, Wimbledon konnte erstmals auf sich aufmerksam machen. Nun wissen auch die zigfachen Meister, wer die Dons sind. 1977 schließlich erhielt Wimbledon Einzug in die Football League und somit die vierthöchste Spielklasse Englands. Obwohl sie auch schon 1975 und 1976 die Southern League gewonnen hatten, blieb ihnen der Eintritt zunächst verwehrt. Der Grund ist obskur: Die Aufstiegsregelung in die Football League war damals eine Mischung aus sportlichen Gesichtspunkten und grünem Tisch. Die vier schlechtesten Teams der Abschlusstabelle der 4. Liga (also der untersten der Football League) kamen mit dem Sieger der Southern League sowie der Northern League in einen Pool. Aus diesen 6 wurden dann per Abstimmung 4 Vereine ausgewählt, die in der kommenden Saison an der Football League teilnehmen. Dabei war jeder Verein der beiden Topligen stimmberechtigt, ein paar weitere Stimmen kamen aus den Ligen 3 und 4.
Das hieß also, daß man Kontakte pflegen, oder – etwas schlichter ausgedrückt – sich kräftig einschleimen musste. Ein Wimbledon-Hansel verbrachte somit schon während der Saison seine Zeit damit, durch das Land zu reisen und viele Hände zu schuetteln. Ob Stimmen damals auch über kleine Gefälligkeiten oder gar persönliche Bestechung vergeben wurden weiß ich nicht. Jedenfalls konnten die Dons nach zwei erfloglosen Abstimmungen nun endlich 2 Mitbewerber hinter sich lassen. Fortan standen nach oben alle Türen offen, und die Südlondoner traten nur zu gerne ein.

Manchester City – Wimbledon FC 3:1
First Division
Manchester, Maine Road
23. August 1986, 21.000 Zuschauer

Wimbledons erstes Spiel in der First Division (dem Vorläufer der Premier League) ging verloren. Nach der Pause konnten sie zwar die Führung erzielen, doch gaben das Spiel noch aus der Hand. Dennoch war es ein Meilenstein in einer unerwarteten Erfolgsgeschichte. Nach wechselhaften Anfangsjahren in der Football League konnte Ex-Spieler Dave Bassett den Club als Team Manager innerhalb weniger Jahre dreimal zum Aufstieg führen. Und damit nicht genug: Die Premierensaison in Englands Top-Liga verlief auch noch erfolgreich! So konnten die Schwergewichte Manchester United, Liverpool und Chelsea auswärts geschlagen werden, letztere wurden gar mit 4:0 abgefertigt. Am Ende stand ein beachtlicher 6. Platz. Natuerlich war Wimbledon auch finanziell gewachsen, doch der Erfolg stand in keinem Verhältnis zu den Gehältern der Spieler. Wally Downes spielte gar in allen 4 Profiligen für die Dons. Er gilt auch als der Hauptbegründer der legendären Crazy Gang. Die Bezeichnung bezieht sich auf eine Komödiantengruppe des frühen 20. Jahrhunderts und was damit benannt wurde, ist nicht ganz klar. Aber jeder wusste, die Crazy Gang, das waren die Jungs aus Wimbledon. Hart, machohaft männlich und vor allem besessen von Streichen. Jeden Tag dachten sie sich neue Boshaftigkeiten für Kollegen und Umfeld aus, und jeden Tag lachten sie über sich selbst. Es gibt die Erzählung von einer Zugreise zurück von einem Auswärtsspiel. Als Ende der 70er Jahre die Gewalt mehr und mehr zum Problem wurde im englischen Fußball, setzen auch langsam verstärkte Repressionen ein. Die Wimbledon-Fans dagegen erfuhren auf ihren Fahrten eine Sonderbehandlung, im positiven Sinn. Sie waren derart harmlos, daß Polizei und Konsorten sie ohne großes Heckmeck gewähren ließen. Einmal aber traf beim Verein eine Beschwerde ein, Wimbledon-Fans hätten sich im Zug äußerst rowdyhaft verhalten and seien den Mitreisenden gehörig aus den Zeiger gegangen. Wie sich herausstellte, waren es eben nicht Fans, sondern die Mannschaft selbst, die negativ aufgefallen war. Auf dem Platz dagegen – und auch das gehörte dazu – prägten sie einen eher humorlosen Stil.
Wimbledon war in den 80ern nicht gerade beliebt bei Journalisten und Fußballfans. Sie galten als Sinnbild des Antifußballs, ihr Kick-and-Rush sei schwer zu ertragen. Damaligen Protagonisten stößt derlei Kritik sauer auf. Die Erfolge seien nur durch akribisches Training möglich gewesen, die Kugel sei nicht einfach nur blind nach vorne geschlagen worden nach dem Motto „und vorne hilft der liebe Gott“. Die langen Bälle des Torwarts und entsprechende Bewegungsabläufe der Feldspieler seien unter Dave Bassett genau einstudiert worden, dazu wurde sogar ein Statistiker engagiert. Dabei schlug der Torwart die Ball nicht direkt ab, sondern gewann zunächst ein paar Meter mit dem Ball am Fuß. Insofern könnte man mit ein wenig Frechheit gar behaupten, daß hier Pionierarbeit geleistet und der Vorläufer des modernen, mitspielenden Torwarts geprägt wurde.

Übrigens verlief schon damals nicht alles alles reibungslos, was das Verhältnis des damaliges Besitzers Samir Hammam zu den Fans betrifft. Auf der einen Seite war der Jordanier den Spielern eine väterliche Persönlichkeit, der mit zu dem familiären Klima beitrug, das einige Spieler besser dotierte Angebote anderer Vereine ablehnen ließ. Andererseits überlegte er in der Zeit des Aufstiegs in die höchste Spielklasse laut, ob es nicht eine tolle Idee sei, mit dem Crystal Palace FC zu fusionieren und so einen großen Superklub in Südlondon zu schaffen. Sofort stieß diese Idee auf heftigen Widerstand, es formte sich die Faninitiative „Save Wimbledon Action Group“ (SWAG). Nach einem halben Jahr begrub Hammam seine Idee. Er erklärte im persönlichen Gespräch mit Fans, daß er seine Idee bedaure. Er habe nicht gewußt, wie wichtig ein Fußballverein für dessen Fans sei und wie wichtig er für die lokale Gemeinschaft. Schnell wurden die Pläne ad acta gelegt und der Frieden war gesichert – zu diesem Zeitpunkt wussten die Beteiligten nocht nicht, daß noch größere Erfolge auf sie warten sollten. Diese konnten also in vollen Zügen genossen werden.

Wimbledon FC – Liverpool FC 1:0
FA Cup (Finale)
London, Wembley Stadium
14. Mai 1988, 98.000 Zuschauer

Der ganz große Wurf gelang im Jahr 1988. Vor dem Finale waren die Sympathien der Medien klar verteilt: Auf der einen Seite das Aushängeschild des englischen Fußballs. Liverpool erspielte 1988 den 10 Meistertitel innerhalb von 15 Jahren; 2 UEFA Cup-Siege und 4 Triumphe im Pokal der Landesmeister bildeten das Sahnehäubchen der attraktiven Fußball spielenden Mannen von Kenny Dalglish, der als Spieler und Team Manager bei den meisten dieser Titel dabei war. Auf der anderen Seite die Hacker und Bolzer aus Wimbledon, die vermeintlichen Anti-Fußballer, die niemand sehen will. Das englische Pendant der BILD-Zeitung, die Sun, vergab keinen Außenseiter-Bonus, sondern forderte unverhohlen einen Favoritensieg. Ein Pokalsieg Wimbledons würde den englischen Fußball zurück in die Steinzeit katapultieren, das Ansehen des einheimischen Sports stehe auf dem Spiel.

Zu dieser Zeit, war der Park Wimbledon Common noch immer ein wichtiger Bezugspunkt des Vereins. Selbst unter Profibedingungen wurde dort teilweise noch trainiert, dort, wo einst die Wimbledon Old Centrals 100 Jahre zuvor ihre ersten Spiele austrugen. Am Vorabend wurden die Spieler zunehmend nervös, und eine kleine Gruppe ging spazieren. Sie landeten natürlich in einem Pub. Team Manager Bobby Gould, der das Amt vom scheidenden Dave Bassett übernommen hatte, blieb das nicht verborgen. Er fand Gefallen an dieser Idee, steckte den verbliebenen Spielern etwas Geld zu und sagte ihnen, sie sollten ebenfalls dort hingehen, um mit einem Getränk die Nervosität etwas zu lindern. Lawrie Sanchez zufolge – der dann das goldene Tor erzielen sollte – sagte, es war nicht irgendein Pub, sondern das Fox and Grapes, welches damals als Umkleidestätte der Old Centrals genutzt wurde. Sanchez erzählt, er sei dort auf eine alte Frau getroffen, die von ihrem Vater berichtet habe. Dieser habe für die Old Centrals gespielt und sie selbst habe das ein oder andere Spiel gesehen damals. Wenn das alles so stimmt, ist es wirklich wie aus einem Fußballmärchen, oder?

Es gibt Videoaufnahmen aus dem Mannschaftsbus vom Vormittag des Spiels. Die Spieler scheinen entspannt, Vinnie Jones und ein paar andere flachsen ein bisschen herum. Tatsächlich gab es Trubel am Vorabend. Zwar hatte sich im Pub niemand komplett zugeschüttet. Doch ein Journalist wollte offenbar Unruhe stiften und kündigte John Fashanu ein Story über ihn an. Nach dem Spiel würden pikante Details aus dessen Sexleben veröffentlicht. Das brachte Fashanu auf die Palme, er durchschlug die Tür seines Hotelzimmers und spielte mit verletzter Hand. Zimmergenosse Jones war ebenfalls mächtig aufgebracht und wollte den Reporter zur Rede stellen, was immerhin nicht in einer non-verbalen Auseinandersetzung endete. Die Underdogs spielten nicht nur an der Grenze zur Brutalität, sie versuchten auch, mit ihrem Auftreten den Superstars Angst einzujagen. Die Crazy Gang um den späteren Nationalspieler Fashanu und den kommenden Schauspieler Vinnie Jones vollbrachten schließlich die Sensation und errangen vor fast 100.000 Zuschauern den Cup. Dabei wären sie kuz vor dem Siegtreffer beinahe in Rückstand geraten. Liverpools Peter Beardsley netzte ein, doch er war zuvor gefoult worden und der Schiedsrichter hatte den Vorteil abgepfiffen. Später konnte Dave Beasant einen unberechtigten Elfmeter halten. Massen bestehend aus Zehntausenden von Menschen feierten nach dem Spiel am Wimbledon Broadway. Genau dort habe ich fast 3 Jahre lang gearbeitet und ich bin immer noch sehr gerne da. Wenn ich mir die damaligen Bilder ansehe und anschliessend selbst in der Gegend bin, überkommt mich manchmal ein seltsames, erhabenes Gefuehl.

AC Monza Brianza 1912 – AFC Wimbledon 3:0
Testspiel
Monza, Stadio Brianteo
27. Juli 2013, 1000 Zuschauer

Die Geschichte des Wimbledon FC ist schon sehr besonders. Die Jahre nach der Neugruendung 2002 erscheinen fast wie ein Schnelldurchlauf der gut 100 vorherigen Jahre. Sie trafen in den Anfangsjahren auf einige Konkurrenten, gegen die sie Jahrzehnte zuvor regelmäßig angetreten waren. Dann der Schritt in den Profifußball. Ob es irgendwann wieder für die wirklich großen Spiele reicht, wird die Zeit zeigen. Neben Wigan Athletic sind die Dons der einzige Verein, der nach dem 2 Weltkrieg noch lange Jahre ein Dasein in den Amateurligen fristete und später dann auch auf professioneller Ebene ansehnliche Erfolge vorweisen konnte. Die Wycombe Wanderers zum Beispiel kamen nie über die Drittklassigkeit hinaus, die meisten der alten erfolgreicheren Amateurvereine krebsen – sofern sie denn noch bestehen – zwischen Sechst- und Zehntklassigkeit umher. In der Sommerpause 2013 schließlich stand das erste internationale Spiel der neuen Dons auf dem Plan. Für die allermeisten der ca. 150 mitgereisten Fans war es das erste Wimbledon-Spiel auf ausländischem Boden. Auch wenn es kaum bekannt ist, tatsächlich hat auch schon der alte Wimbledon FC international gespielt.
Trotz Pokalsieg 1988 blieb der Einzug in den internationalen Wettbewerb verwehrt. Die englischen Teilnehmer waren wegen der Heysel-Katastrophe 1985 ausgeschlossen. Jedoch nahmen sie 1995 am UI-Cup teil, dem damaligen prestigelosen Qualifikationswettbewerb für den UEFA-Cup. Im ersten Auswärtsspiel beim FC Kosice konnte in der Slowakei immerhin ein 1:1 abgetrotzt werden, beim folgenden Trip ins belgische Charleroi war man bereits sang- und klanglos in der Gruppenphase gescheitert. Die UEFA verhängte gar zunächst eine Strafe gegen die Wombles, da sie zu den letzten Spielen einige Akteure geschont und nach Meinung des Verbands die Spiele abgeschenkt hatten. Ebenfalls nicht sehr ruhmreich, aber irgendwie ganz nett waren die internationalen Spiele der 70er-Jahre. Damals gab es nämlich eine Reihe von Einladungs-Turnieren zwischen englischen und italienischen Vereinen, an denen Amateure und Halb-Profis teilnahmen. Die Dons – damals noch in der Southern League – standen 1975 im Finale des Anglo-Italian Cup, da sie in der Gruppenphase das bessere Torverhältnis aufwiesen als die punktgleichen Nuneaton Borough. Dort trafen sie auf Monza Brianza, welche in ihrer Heimstätte mit 1:0 die Oberhand behielten. Ob und wenn ja wie viele Fans damals nach Italien gereist sind (oder auch zu den Auswärtsspielen im UI-Cup) vermag ich nicht zu sagen. Dazu habe ich nichts gefunden. Was ich aber aus Erzählungen und von Recherchen weiß ist, dass Monza nun einen englischen Besitzer hat, der offenbar auch dem AFC Wimbledon zugetan ist. Sie spielen in der Lega Pro Seconda Divisione/A, einer der viertklassigen Ligen Italiens. In Anlehnung an das Finale von 1975 hielt er es für eine gute Idee, dieses als Freundschaftsspiel zu wiederholen. So lud er also die Dons, angeblich auf Kosten des Hauses, nach Italien ein, und immerhin eine kleine dreistellige Anzahl an Fans hatte so die Möglichkeit, ihren Farben Gelb und Blau im Ausland zuzujubeln. Und das gute am Fußball ist ja – das hat der AFC Wimbledon eindrucksvoll bewiesen – daß die Geschichte nie zuende geht. Vielleicht spielen sie eines Tages wieder international. Dann wird das, was jetzt passiert, Geschichte sein, und eventuell werden die 150 Mitgereisten einen sentimentalen Blick zurück auf die Reise nach Italien werfen.

Zum Abschluß möchte ich noch etwas Grundsätzliches zu diesem Artikel sagen. Er ist sicher nicht so flüssig wie andere, auch ist er wohl nicht so pointiert und erscheint möglicherweise ein bißchen trocken. Gegensätzlich dazu muß ich aber sagen, dass dieser Eintrag in der Recherche der bislang aufregendste war. Anfangs war ich nur mäßig motiviert, doch nach ein wenig Recherche hatte es mich gepackt. Stundenlang blätterte ich in der Chronik, in den anderen historischen Zeitschriften der Dons sowie im Internet und versuchte, all dies zu einem Bild zusammenzusetzen. Es ist ein wahrer Fundus, die Tür in ein großes Reich voller (für mich selbst) unentdeckter Verläufe und Ereignisse, die ich aufgestoßen habe. In meiner Funktion als SGW-Fan habe ich mich nie großartig für die Historie begeistert, auch über den früheren Fußball in Deutschland weiß ich wenig. Ich dachte immer, daß Fußball erst mit dem Aufkommen der modernen Fans in den 60ern und 70ern interessant wurde, und daß es eigentlich ja auch reicht, sich mit den letzten 30 Jahren zu befassen, als deutsche Fans langsam die organisierte Gewalt und anschließend Ultra für sich entdeckten. Aber das ist ja Quatsch, es sind tatsächlich wertvolle Schätze zu finden, und einige von ihnen sind wirklich alt.

Ich frage mich, was genau der Reiz daran ist, sich die Nächte mit Recherchen um die Ohren zu schlagen und dabei mitunter komplett die Zeit zu vergessen. Ich kann es nicht wirklich sagen, mir kommt dabei aber eine Aussage Karel Stokkermanns in den Sinn. Der Holländer ist Fußballstatistiker, sein Lebenswerk besteht darin, in unzähligen Stunden verschollen geglaubte Informationen zu Spielen zusammengetragen zu haben. Auf die Frage, was das Spannende an seinem Hobby sei, entgegnet er: „Die Daten vermengen sich mit der Erinnerung und der Fantasie. Ich male mir aus, was sich hinter den Zahlen verbirgt“. Das trifft es auf den Punkt, denn das Entscheidende bei meinen Recherchen war das innere Auge. Je mehr Informationen man über bestimmte Ereignisse erfährt, je mehr man mit der Zeit an sich vertraut ist, je besser man die Zusammenhaenge und die Zeitverläufe erfasst, desto besser kann man das Puzzle zu ganzen Bildern zusammensetzen. Die Vorstellung des „Wie war das wohl damals für die Beteiligten“? und die Frage danach, wie die einstigen Protagonisten und Zeitzeugen wohl später darauf zurückgeblickt haben mögen, was für eine Bedeutung diese Abenteuer in der persönlichen Geschichte der Betroffenen für eine Bedeutung haben – diese Fragen haben mich gefesselt. Und eines liegt doch auf der Hand: Ohne Geschichte sind wir nichts. Wir leben nicht von einem Tag auf den anderen und fangen jedesmal wieder bei Null an. Man hat als Mensch eine Lebensgeschichtemit bestimmten Ankerpunkten, und genauso ist ein Fußballverein nicht einfach ein Konstrukt, das von heute auf morgen über den Haufen geworfen und einer Rundum-Erneuerung unterzogen werden kann – auch wenn größenwahnsinnige Geschäftsleute mit Profilneurose das hin und wieder denken.
Erzählt von früher, bewahrt die Erinnerungen und macht sie anderen zugänglich, fragt andere aus über ihre Geschichte, über die Vereine und den Fußball, wie er früher war. Denn wenn in 10 Jahren schon egal ist, war heute passiert, dann braucht ihr Euch gar nicht erst zu irgendwas aufzuraffen und könnt stumm und allein zuhause bleiben. Dann macht es ohnehin keinen Unterschied, und was ihr als Fans für den Verein leistet, mit ihm erlebt und die Erfolge, die errungen werden – all das hat dann keine Bedeutung. Ich fand den Satz immer furchtbar pathetisch und aufgesetzt, aber es steckt doch Wahres darin: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“

Millwall v Wimbledon

Nur der Gästeblock war wirklich gut gefüllt. Im Rest des Stadions herrschte gähnende Langeweile – kein großes Spiel

 

 

 

 

AFC Wimbledon – FC United of Manchester  2:0
Testspiel – 13. August 2013 (15:00 Uhr)
Kingsmeadow/ London – 1270 Zuschauer

Der FC United of Manchester wurde im Sommer 2005 – 3 Jahre nach dem AFC Wimbledon – aus der Taufe gehoben; dabei standen AFCW-Gründer Kris Stewart und andere Dons beratend zur Seite.  Nach 3 Aufstiegen in Folge spielen sie seit 2008 in der siebten Spielklasse. Mein erstes FCUM-Spiel fuehrte mich im Mai 2013 nach Hednesford. Dort ging es im Aufstiegsfinale um die Teilnahme an der sechstklassigen Conference North.
Hednesford ist eine Kleinstadt in den Midlands mit nichteinmal 20.000 Einwohnern. Trotz dieser Kleinwüchsigkeit spielte der örtliche Fußballverein noch vor wenigen Jahren in der fünftklassigen Conference.

Der Ort des Geschehens ist in unter 3 Stunden zu erreichen, so entschied ich mich recht spontan zu dieser kleinen Reise. Zugpreise gingen mit 30 Pfund von und zurück zur Euston Station auch noch gerade klar, an Eintritt sollte nur ein Zehner fällig sein. Allerdings war die günstigste Verbindung früh am morgen, sodaß ich bereits um 11 Uhr in der verschlafenen Kleinstadt ankam. Der Regen machte dem Plan, mich irgendwo in der Sonne zu fläzen und ein bißchen zu lesen, einen Strich durch die Rechnung. Ein paar FCUM-Fans waren auch bereits da, doch sie liefen in irgendein Pub und ich hatte keine große Lust, da der einzige Fremde zu sein. So lief ich erstmal die 20 Minuten zum Stadion, naja nix los. Also zurück in die „Innenstadt“, plötzlich mußte ich auch dringend kacken. In einem Wettbüro fand ich Erleichterung, dann dachte ich, ich such mir mal ein kleines Restaurant zum Rumhängen und Essen. Wurde nichts draus, denn einige FCUM-Fans strömten vorbei und ich folgte ihnen, um nur ein paar Meter weiter an einem ihrer Sammel-Pubs anzukommen. Ich trat ein und trank angenehm günstge Wodka-Cola-Mischen. Eine aufgdrehte Frau um die 50 quatschte mich an und lud mich an ihren Tisch ein, an den auch ihr Freund bald zurückkam. Die beiden hatte ich schon am Umsteigebahnhof in der Pampa zuvor gesehen. Er sieht wie ein ziemlicher Brecher aus – um die 1,90m, Glatze, Tarnjacke und ist FCUM-Anhänger. Sie hält eigentlich zu den Wycombe Wanderers, begleitet ihn aber auch regelmäßig zu Manchesters Spielen. Waren interessante und angenehme Plaudereien mit den beiden und ein paar anderen Gästen, die Atmosphäre sehr herzlich, dazu ein bißchen chaotisch und wild, wie das eben so ist, wenn auch der Alkohol fließt. Es sind ein paar neutrale Fans anderer Vereine vor Ort, auch mit vereinzelten Heimfans gibt es keine Probleme. Die beiden wollen noch in einen anderes Pub näher am Stadion und nehmen mich mit. Dort ist es so voll, daß man ewig auf Getränke wartet. Dennoch organsiert mein neuer Freund 2 Runden, was mir ein bißchen unangenehm ist, da ich mich nicht revanchiere.

15 Minuten vor Anstoß dann bin ich fast schon betrunkener als mir lieb ist bei einem Fußballspiel und wir stehen in der Schlange, in der ich die beiden verliere. Auf der Stehtribüne an der Seite sehe ich sie wieder, gehe jedoch nach 10 gespielten Minuten nach dem Pissen nicht dorthin zurück, da sie glaube auch irgendwann genug von mir hatten und fast im Zentrum des Manchester-Supports standen (und selbst mitsangen). Da habe ich nicht wirklich etwas verloren.
Bereits vor dem Spiel war es im gut gefüllten Stadion zu Pyroaktionen gekommen. Immer wieder schickten die FCUM-Fans Rauch in den Himmel. Nichts extremes, das war in Maßen, aber natürlich sehr schön anzusehen und überaus ermutigend, daß es sowas überhaupt gibt in diesem Land. Die Heimseite zündete ebenfalls ein- oder zweimal Rauchpulver. Es schien niemanden großartig gestört zu haben.

So, und nun zum Support, denn der war wirklich phantastisch. Manchester mit traumhaften Gesängen! Teilweise Adaptionen von Popsongs mit recht langen Texten, teilweise Sachen, die ich nicht wirklich zuordnen konnte, da ich soetwas noch nie gehört habe und auch eine aus Europa bzw. Deutschland bekannte Melodie. Beeindruckend die einige Male angestimmte Adaption von „Anarchy in the UK“ der Sex Pistols. Insgesamt waren es glaube ich nur um die 5 oder 6 verschiedene Lieder, aber die hatten es wirklich in sich. Ein Traum, die Gesänge zu hören und dabei die gefüllte Seitentribüne vor Augen zu haben, von wo die Lieder kamen. Den Rest des Spiels verbrachte ich hinter dem Tor, mit gutem Blick auf die Fans und das Spielfeld.
Leider lag Manchester früh zurück und zur Pause hieß es 2:0 für Hednesford. Zwar konnte der FCUM 20 Minuten vor Schluß den Anschluß erzielen, die Schlußoffensive brachte aber nichts mehr ein. Die Fans der Gastgeber – immerhin waren sie alle paar Minuten mal zaghaft zu hören gewesen – stürmten den Rasen. Die knapp über zweitausend FCUM-Fans müssen ziemlich enttäuscht gewesen sein, aber dennoch transportierten sie bis zum Schlußpfiff und darüber hinaus eine außerordentlich positive Atmosphäre. Sie vermitteln glaubhaft, die sie dieses Leben gewählt haben, weil es ihnen schlicht gefällt. War ich im Vorfeld unsicher, ob ich es für so supercool halte, einen Verein neuzugünden, den es ja – anders als den Wimbledon FC – eigentlich noch gibt, um dann in der 11 Freunde als Helden des ehrlichen Fußballs gefeiert zu werden, bin ich nun ziemlich angetan.Ich war  fest entschlossen, ihnen einen weiteren Besuch abzustatten.

Nun kommen die Red Rebels also ins Kingsmeadow. 2 Vereine, die oft in einem Atemzug genannt werden.  Auch wenn sicher gewisse Parallelen bestehen, muß ich sagen, es gibt doch auch Unterschiede. Zum einen haben die Devils ihren Verein nicht verloren, wie etwa Wimbledon oder auch Salzburg. Sie haben ihren noch existierenden Verein neugegründet. Übrigens frage ich mich, die die Red Rebels wohl zu ihrem eigentlichen Stammverein stehen. Klar, sie hassen Malcolm Glazer und die kommerzielle Ausrichtung und so. Aber etwas schizophren stelle ich mir das schon vor irgendwie. Ob es die Fans wohl noch juckt, was die Millionäre in Premier und Champions League reißen? Auch die Art der Fans und der Support sind grundlegend verschieden. Herrschen in Wimbledons Fanlandschaft nach meiner zugegebenermaßen nicht sehr fachkundigen Einschätzung relativ normalenglische Verhältnisse, stechen die Anhänger des FCUM aus der Masse raus. Die Lieder, die sie singen, die alternativ anmutende Einstellung (eher subkulturell als politisch), die Kontakte zu ausländischen Szenen… In der Sommerpause waren sie auf kleiner Deutschlandreise. Dynamo Dresden und SV Babelsberg hießen die Gegner. Auch bleibt z.B. die Brust der Spieler blank. Zwar akzeptiert der FCUM Sponsoren und bezieht dementsprechend auch Geld von solchen. Doch das Trikot soll den Verein repräsentieren, und kein Unternehmen.

Die Mannschaft besteht nicht aus Berufsfußballern wurde mir erzählt, die Spieler gehen ihrem Hobby nach und werden dafür gut bezahlt. Ihre Heimspiele bestreiten sie meist vor etwa 2.000 Zuschauern, heute waren um die 200 mitgereist. Bei strahlendem Sonnenschein kam ich 10 Minuten vor Anpfiff am Stadion an und stellte mich auf die Gegentribüne, direkt neben die Auswärtsfans. Sie sangen sogleich ein paar der wundervollen Lieder, die ich bereits in Hednesford gehört hatte. Nicht so durchdringend – es waren vielleicht bis zu 50 singende Leute heute – doch ich muß sagen, das hört sich einfach schön an.

Ich genoß das Wetter und schaute mehr auf die Fans als auf das Spiel. Da sehe ich plötzlich, wie sie eine Freundschaftsfahne FCUM – SV Babelsberg anbringen. Zwischen den Vereinswappen der Spruch „The youth is pushing forward“. Ein paar Minuten später bringen noch 2 Jugendliche ein kleines Ultras Babelsberg Banner an. Die beiden waren, ebenso wie der Typ, der da in USP-Klamotten rumlief – sehr darum bemüht, cool auszusehen. Dabei hatten sie offenkundig deutlich weniger Spaß als ihre Freunde aus Manchester. Tja, selber schuld…

Nach einer halben Stunde ließ der Support etwas nach und ich ging Richtung Bude, um mir ein Wasser zu kaufen. An dieser Stelle muß ich sagen, daß die Wimbledon-Fans dem Anlaß keinen würdigen Rahmen verliehen haben. Enttäuschend, daß nur ganze 2 Zaunfahnen hingen auf Heimseite. Und das, obwohl der Verein nur 6 Tage zuvor einen Zaunfahnen-Tag angeboten hatte. Man konnte mit seiner Idee vorbeikommen und fand alles vor, um ein gutes Stück zu erstellen: Materialen und Hilfe bei der Durchführung. Etwas ungewohnt, daß dies vom Verein selbst angeboten wird, und nicht etwa von organisieretn Fans, aber natürlich äußerst lobenswert. Manchester dagegen mit zweistelliger Anzahl an Bannern, teilweise richtig starke Fetzen. Das sah amtlich aus. Auf Heimseite auch keinerlei Blockbildung und der Support lag nahe bei Null. Das war alles in allem doch etwas enttäuschend, auch wenn sich die Zuschauerzahl für ein Testspiel durchaus sehenlassen kann.

Auf dem Weg zur Bude traf ich auf Stewart und den anderen Kerl, dessen Namen ich nicht weiß. Das sind die beiden Fans, die ich am besten kenne. Den Rest des Spiels stand ich mit ihnen rum, sie erzählten mir, daß der FCUM in einem Jahr in sein eigenes Stadion umziehen werde und fortan nicht mehr in Bury spielen muß. Und das Eröffnungsspiel – das sei bereits abgemacht – werde ein Testspiel gegen den AFC Wimbledon sein. 20 Minuten vor Schluß wurde kräftig durchgewechselt bei den Dons, auch Seb Brown durfte endlich wieder ein paar Minuten spielen. Das Spiel lief zwar auf niedrigem Tempo, doch die eine oder andere herzhafte Grätsche war durchaus zu bewundern.

Nach dem Spiel stieg noch eine Art FCUM-Saisoneröffnungsparty im großen Schankraum. Ich blieb auf ein Getränk, knapp über 100 Fans hingen dort rum. Das Verhältnis der Vereinzugehörigkeit sah nach ungefähr 50:50 aus. Ich frage mich, ob man den Fans eine Freundschaft zueinander attestieren kann. Ich weiß natürlich nicht sicher, ob und wie stark wer mit wem im Einzelnen in Verbindung steht. Nach deutschen Maßstäben würde ich aber eher vermuten, daß sich das Verhältnis auf eine gewisse Sympathie füreinander beschränkt. Ich glaube nicht, daß es zum Beispiel gegenseitige Spielbesuche gibt. Nichteinmal bei Wimbledons Aufstiegsfinale in Manchester 2011 konnte ich FCUM-Fans erspähen, wobei ein kleiner Haufen Red Rebels angesichts von 6.000 Wombles natürlich auch nicht einfach auszumachen war, sollte es ihn denn gegeben haben. Auch Dinge wie Freundschafts-Schals oder das gemeinsame Aufhängen von Bannern, sogar heute: Fehlanzeige. Vielleicht ist es aber auch so, daß diese Freundschaftsgeschichten in England einfach nicht so im Vordergrund stehen oder möglicherweise auf völlig andere Weise verstanden werden als auf dem europäischen Festland. Daß eine Aborndung in regelmäßigen Abständen Besuche durchfürt, ist meinem Kenntnisstand nach untypisch – der Queens Park FC aus Glasgow, dessen Fans man hin und wieder bei Spielen der SG Wattenscheid 09 begrüßen darf, ist da auf der Insel sicherlich eine der wenigen Ausnahmen.

So oder so, ich habe große Lust, den Red Rebels weitere Besuche abzustatten. Sie haben mich begeistert, ich habe ihre beiden Spiele genossen und bin doch ziemlich angetan, muß ich sagen. Ich möchte keine großen Reden über Fußball in England schwingen und darüber, welche Bedeutung der AFC Wimbledon und der FC United of Manchester für den Fußball haben. Man muß seine Mitmenschen ja nicht mit mehr Pathos bombadieren als unbedingt notwendig, das überlasse ich gern der 11 Freunde. Aber ja, ich bin ihr Freund und möchte den FCUM gern wiedersehen.

Das Aufstiegsfinale in Hednesford war ein Traum

Das Aufstiegsfinale in Hednesford war ein Traum

afc wimbledon fcum banner

Die Banner der Nordenglaender waren – untypisch fuer das Mutterland des Fussbals – stark. Hier leider nur 1,5 Exemplare der guten Stuecke

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Die Gaestefans standen zwar in Blockbildung im Gaestebereich. Doch sie konnten sich im ganzen Stadion bewegen. Von solchen Freiheiten koennen Fussballfans sonst nur traeumen

Die Gaestefans standen zwar in Blockbildung im Gaestebereich. Doch sie konnten sich im ganzen Stadion bewegen. Von solchen Freiheiten koennen Fussballfans sonst nur traeumen

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Abstiegskampf, Alter

AFC Wimbledon – Fleetwood Town 2:1
League Two – 27. April 2013 (15:00 Uhr)
Kingsmeadow/ London – 4738 Zuschauer

Nach einer starken Serie folgte in den vorangegangenen Spielen Niederlage auf Niederlage. Bei 2 ausstehenden Spielen beträgt der Abstand zu den Abstiegsrängen nur noch einen Punkt. Mit auf die Reise nach Gillingham begibt sich der Oldenburger Garibaldi, er verließ seine Wahlheimat Malta für ein langes Wochenende, um mich zu besuchen.
Wir fuhren mit dem offiziellen Fanbus, bei annehmbaren Temparaturen kamen wir nach knapp 2 Stunden Fahrt an. Problem: die vorbestellten Tickets für das ausverkaufte Spiel wurden nicht geliefert. Die Leute aus dem Vereinsbüro sagten aber, sie hätten Ersatztickets arrangiert, die ich beim Gästeeingang abholen könne. Die Bedenken, ob das alles klappen würde, zerstreuten sich, als uns ein Ordner die begehrten Papierstücke eine halbe Stunde vor Anstoß aushändigte.

Die knapp über 1000 Gäste waren im All-Seater (ueber 11000 Zuschauer) auf einer unüberdachten Tribüne hinter dem Tor untergebracht, bei strahlendem Sonnenschein natuerlich eine feine Sache. Zu unserer Enttäuschung besetzten alle Fans den ihnen zugewiesen Sitzplatz, sodaß sich die zum Stehen und Support motivierten nicht sammeln konnten. So kam es zu voraussehbaren Diskussionen: Manche wollten das Geschehen im Stehen verfolgen, andere wollten sitzend freie Sicht auf das Spielfeld. Vereinzelt wurden nach kurzen Diskussionen Plätze getauscht, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden, aber nach wenigen Minuten gaben fast alle Steher auf und pflanzten sich hin.
An Geraeuschkulisse war dementsprechend nicht zu denken, die wenigen Gesänge verebbten auf erbärmliche Weise. Nach ein paar Minuten erzielte Gillingham die Führung. Die Gastgeber standen gegenüber von uns mit ein paar hundert Leuten und kamen akustisch gut rüber. Das waren feine Gesänge, teilweise sehr gut getragen. Garibaldi war davon angetan, ebenso gefielen ihm die Wimbledon-Fans. Auch wenn supportmäßig schwach, gingen sie doch alle mit dem Spielgeschehen mit. Der Junge neben ihm war sichtlich nervös und kaum zu beruhigen.
Das 2:0 erzielte Ex-Wombles-Kapitän Danny Kedwell. Ich habe nicht drauf geachtet, Garibaldi sagt, er hat nicht gejubelt. (Übrigens habe ich zum ersten mal nach seinem Wechsel keine Gesänge gegen ihn vernommen. Nach dem Spiel wurde er mit zaghaften Applaus in die Kabine verabschiedet.) Der ältere Herr neben mir versank komplett in sich selbt, er hing in seinem Sitz und hatte wohl mit der Welt abgeschlossen. Ein anderer Fan wollte durch, seine Füße waren im Weg – doch er bewegte sich keinen Millimeter.

Angesichts des Rückstands und der erschreckend schwachen Leistung schien der Abstieg näherzurücken. Alle anderen Spiele standen gegen Wimbledon. Doch nach der Pause waren die Dons wie ausgewechselt. Der Anschlußtreffer brachte wieder Leben in die Bude. Die Fans sprangen auf und setzten sich nun nicht wieder hin. Endlich auch Anfeuerung von den Rängen! Das beschränkte sich zwar auf kurze Einlagen – ständig dieser einfache AFC Wimbledon-Schlachtruf – die 2-3 durchaus schönen Lieder des Reportoires gab es nicht auf die maltesischen Ohren. Ober ok, kurz und brachial erfüllte in dieser Situation sicher seinen Zweck.
Die Mannschaft kommt nun im Minutentakt gefährlich vors Tor, im Mittelfeld wird keine zeit verloren. Eine dicke Chance wird leichtfertig vergeben, dann aber findet der Ball seinen Weg in die Netzmaschen vor den Wimbledon-Fans. Unfaßbar, auf meine Anfrage hatte Garibaldi zur Pause die Quote auf Heimsieg mit 1,03 beziffert. Der Torjubel richtig massiv, die Tausend gelb-blauen drehen komplett am Rad. Der zuvor regungslose Mann neben mir hüpft nun auf und ab wie ein Kind, die Mannschaft spielt weiter mutig nach vorne. Ein paar Minuten vor Schluß gar die Chance zum Sieg, doch der Ball springt nur an den Außenpfosten.

Mit dem Schußpfiff stürmt Gillingham den Platz. Aufgestiegen waren sie ohnehin schon, mit dem Unentschieden sichern sie sich dazu noch den Platz an der Sonne in der Abschlußtabelle. Wir gingen zurück zum Bus, wo ein Fan die Falschmeldung verbreitete, Barnet habe sein Spiel verloren. Haben sie nicht, ebenso wie der Rest der Konkurrenz spielten sie nicht für die Dons. Die Ausgangslage für das letzte Saisonspiel war simpel: Mit einem Sieg ist der Klassenerhalt sicher, mit jedem anderen Ergebnis geht es runter in die Conference. Egal, wie die anderen spielen.
Garibaldi und ich wollten eigentlich abends in einen Tittenklub. Wieder zuhause angekommen spürten wir jedoch den den ereignisreichen Tag in der warmen Sonne und nicht zuletzt den Vorabend in Geist und Knochen. Er war tags zuvor einziger externer Gast bei meinem Abschiedstrinken von der alten Firma, im lokalen Wetherspoon nahe der Wimbledon Station. Das hat zwar großen Spaß gemacht, aber natürlich waren wir alles andere als nüchtern geblieben. So blieben wir stattdessen in Colliers Wood und ließen den schönen Tag mit ein paar Getränken in einer lokalen Kneipe ausklingen. Garibaldi hat das Spiel gefallen. Resümee seines England-Punkts: „Die brauchen hier auch gar keine Ultras“.

Es war also alles angerichtet zum großen Finale eine Woche spaeter. Seit der Neugruendung waren die Dons ja noch nie wirklich in den Abstiegskampf verwickelt. Fuer die juengeren gab es also in der Saison 12/13 eine komplett neue Erfahrung, die Aelteren moegen sich an fruehere Zeiten erninnert fuehlen und haben in gewisser Weise ihren alten Verein zurueck. Sieg oder Abstieg aus der Football League.
Mein mein frischgebackener Ex-Arbeitskollege Henrik mit von der Partie, vor dem Spiel ist Zeit für zwei Bier im Schankraum des Kingsmeadow. Wir haben zwar Tickets für die Gegentribüne, können dann aber wie gewohnt ohne Probleme im Tempest End einchecken. Für Fleetwood geht es um nichts mehr, einen Erfolg in diesem Spiel mal abgesehen. Lange spielten sie um die Playoff-Plätze mit, in den letzten Wochen schlitterten sie jedoch in eine tiefe Krise. Die Quoten vor dem Spiel sahen Wimbledon als Favorit, die Siegquoten von um die 1,70 repräsentierten aber nur eine etwa 60%ge Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt.

Das Wetter sehr wechselhaft, Sonne wechselte sich im Minutentakt mit dunklen, schweren Wolken ab. Nach ein paar gespielten Minuten fing es gar an zu hageln! Ohne Scheiß, irgendwas ist kaputt mit dem Wetter. Bereits vor dem Spiel war es richtig kraß laut. Wir standen über 5 Meter vom üblichen Supportzentrum entfernt, wo normalerweise nicht geschlossen gesungen wird. Heute war das anders, wir konnten uns teilweise tatsächlich nicht miteinander unterhalten. „Sing your arse off for the lads“ hallte es kurz vor Anpfiff – Singt euch den Arsch weg für die Jungs auf dem Platz.

Diese beherrschten zwar das Spiel, kamen auch gefährlich vor das Tor vor unseren Augen, agierten aber unglücklich im Abschluß. Der Ball wollte einfach nicht rein. Die Lautstärke auf den Rängen war unterdessen außerordentlich, teilweise richtig brachial. Das war heute sicher das Beste, was ich in einem Heimspiel bislang erlebt habe. Mit 0:0 ging es in die Pause, wir holten uns schnell ein Bier, tranken es fast auf Ex und schon konnte es weitergehen. Der Klassenerhalt mußte nun unwahrscheinlicher geworden sein. Wir sind zwar beide in der Branche angestellt, aber nicht für Quotenerstellung verantworlich. Wir versuchten es dennoch und einigten uns auf Wettbörsenquote 2,10 fuer Sieg Wimbledon. Abstieg also wahrscheinlicher als Klassenerhalt, aber noch war alles drin.

Um uns herum Fans, die es nun mit der Angst zu tun bekamen und etwas verstummten, spielten die Blau-Gelben auf dem Platz weiter mutig und schnell nach vorne. Und zwar mit sehr kurzpaß-lastigem Spiel, was auf dem Rasen gar nich so einfach war. Das Wetter extrem wechselhaft, strahlender Sonnenschein gefolgt von heftigem Platzregen, fast im Minutentakt änderte sich die Witterung. Nach einer Stunde dann war es soweit. Gary Alexander köpfte das den Ball ins Tor und ein Sturm brach los um uns herum. Keine 4 Minuten später allerdings fiel direkt vor unseren Augen bereits der Ausgleich. Nach einer Ecke waren Henrik und ich uns beide sicher, daß es gar ein Eigentor war. Zu unserer Verwunderung wird das in allen Berichten anders dargestellt. So oder so war es ein übler Abwehrschnitzer und das erste mal überhaupt, daß Fleetwood wirklich gefährlich vors Tor kam. Sollte ein solches Mist-Ding etwa den Gang in den Non-League-Football besiegeln? Das wäre bitter.

Die Anhänger fingen nun an mit ihrem Schicksal zu hadern, ihnen stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Gesänge wurden nun kaum noch getragen, zu beschäftigt war man nun mit Fingernägel kauen, Zittern und Fratzen schneiden. Respekt vor den Jungs auf dem Platz, die sich von dieser Panik nicht anstecken ließen und weiterhin nur eine Richtung rannten. 15 Minuten vor Ende der regulären Spielzeit dann bekam Wimbledon einen 11-Meter zugesprochen. Jack Midson übernahm die Verantwortung und traf zur erneuten Führung.
Die Angst wich trotzdem nicht aus dem Stadion, weiterhin waren die Leute um uns herum wie gelähmt. Torhüter John Sullivan, erst in seinem elften Ligaspiel für die Wombles, war die Nervosität ebenfalls sichtlich anzumerken. Immer wieder drehte er sich um und blickte den Fans in die Augen. Als ob er auf der Suche nach Zuversicht war, als habe er fragen wollen „Glaubt ihr dran? Bringen wir das jetzt über die Zeit?“. Zur allgemeinen Erleichterung ließen seine Vorderleute aber wenig anbrennen, sodaß es nicht zur befürchteten Abwehrschlacht kam. Man muß auch sagen, daß Fleetwood nicht sonderlich gut spielte. Zwar versuchten sie schon, Zug zum Tor aufzubauen, aber die Luft war bei ihnen einfach raus. Nach passabler Saison waren sie in den Wochen zuvor wie gesagt  komplett eingebrochen.

Nach dem Spiel dann sogar ein Platzsturm, und das obwohl im Vorfeld darauf gepocht wurde, dies unter allem Umständen zu unterlassen. Dadurch hatte ich eine Wette mit Henrik verloren. Ich ging davon aus, daß die extreme Autoritätshörigkeit der Engländer sich durchsetzen würde. Falsch gedacht, aber was solls. Spaßwetten um ein Pfund tun nun nicht gerade weh und auch ich ging kurz ein paar Meter auf den Platz. Es ist immer ein erhabenes Gefühl, in einem Ground auf dem Rasen zu sein, sich das Stadion und das bunte Treiben von dort aus anzusehen.

Nach dem Spiel hielt es uns nicht lange im Schankraum des Kingsmeadow. Er war völlig überfüllt und eine glückliche Menge ist schön und gut und ich gönne den Fans diesen Erfolg von Herzen und alles. Aber im Feiern sind Fußballfans in England wohl nicht die besten ihrer Zunft. Zu unpersönlich, zu wenig organisiert ist die Anhängerschaft. Kein gemeinsames Singen, keine Sprechchöre, kein Freidrehen. Nach einem Scheitern wäre es natürlich viel interessanter gewesen, noch eine Weile inmitten Fans zu verbringen, nach dem ersten Abstieg seit ueber einem Jahrzehnt. Kurz nachdem die Mannschaft sich unter die Leute mischte, machten wir uns auf den Weg. Wir hatten andere Pläne. Henrik kam in letzter Zeit nicht nur zum einen oder anderen Spiel mit, auch meine Leidenschaft für die Pub-Kette Wetherspoon stieß bei ihm auf offene Ohren. Wir wollten ein paar neue Grounds machen 🙂 und zwar in der London Bridge-Gegend. Obwohl wir in einen weiteren heftigen Platzregen liefen, war es, was auch sonst, ein feiner Abend mit netten Gesprächen in wohliger Atmosphäre und einiger spaßiger Trink-Action.

Vor dem Spiel in Gillingham: Volles Tolles Stadion, volles Haus, Sonnenschein. Herz, was willste mehr...

Vor dem Spiel in Gillingham: Tolles Stadion, volles Haus, Sonnenschein. Herz, was willste eigentlich mehr…

Zum Tittenclub schafften wir es zwar nicht, aber immerhin konnten wir uns an Cheerleadern aufgeilen. Wobei die Argentinien-Bilder in den Hopping-Zines dann doch deutlich aufregender aussehen...

Zum Tittenclub schafften wir es zwar nicht, aber immerhin konnten wir uns an Cheerleadern aufgeilen. Wobei die Argentinien-Bilder in den Hopping-Zines dann doch deutlich aufregender aussehen…

150 Minuten vor dem Klassenerhalt. Alle sind angespannt, nur Henrik und ich atmen locker durch die Hose

150 Minuten vor dem Klassenerhalt. Alle sind angespannt, nur Henrik und ich atmen locker durch die Hose

Riots im Suedwesten Londons. Unfassbarerweise widersetzten sich hunderte den Regeln. Es ist noch ein weiter Weg, bis die die Leute sich in Nazi-England jede noch so sinnlose Restriktion gefallen lassen

Riots im Suedwesten Londons. Unfassbarerweise widersetzten sich hunderte den Regeln. Es ist noch ein weiter Weg, bis die Leute sich in Nazi-England jede der zahlreichen Sinnlos-Restriktionen gefallen lassen

 

Ein verlorengeglaubtes Gefuehl: Abstiegskampf.

Ein verlorengeglaubtes Gefuehl: Abstiegskampf.

Der Fan im Trikot

Sutton United – AFC Wimbledon 5:2

Surrey Senior Cup (Halbfinale) – 11. April 2013 (19:45 Uhr)
Borough Sports Ground/ London – 461 Zuschauer

Um Wimbledons Torhüter Seb Brown übrigens spielten sich im Winter 2012/13 interessante, bedauernswerte Ereignisse ab. Nur Tage nach dem Pokalspiel gegen York, das das Treffen mit den Milton Keynes Dons besiegelte, wurde Neil Sullivan auf Kurzbasis ausgeliehen. Der damals 42-jährige Keeper blickt auf reichlich Erfahrung zurück, er hütete unter anderem das Tor des alten Wimbledon FC. Dort war er Mannschaftskamerad Neals Ardleys, der Team Manager holt sich also einen alten Weggefährten ins Boot. Nach dem York-Spiel hatte Brown nichteinmal mehr auf der Bank gesessen. Zwar verbreitete Team Manager Neal Ardley die gängigen Höflichkeitsplatitüden über ihn, doch es war offensichtlich, daß da etwas nicht stimmte.
Ein Fan, mit dem ich manchmal plaudere, sagte mir, Brown hätte an jenem Abend beim 4:3-Sieg gegen York City nicht schlechter spielen können. Selbst der Spielbericht auf Wimbledons Website spricht von eigenwilligen Abschlägen, die Mitspieler und Fans Nerven gekostet haben. Da Brown Womble durch und durch ist und den Verein Milton Keynes Dons wohl niemals akzeptieren wird, kamen die Geruechte wenig ueberraschend. Er habe das Spiel absichtlich verlieren wollen, um das Aufeinandertreffen zu verhindern. Sei es wie es sei, ob es stimmt oder nicht, Ardley jedenfalls hatte ein Problem mit ihm. Im Februar schließlich ging Brown auf Kurzleihe zum Fünftligisten Woking FC, vor den Toren Londons, fuer die er ein Dutzend spiele absolvierte. Ich fand es fortan ein wenig ernüchternd, nun einer astreinen Sölndertruppe beim Kicken zuzuschauen.

Nun, fuer dieses Pokalspiel jedenfalls wurde auf der Homepage angekuendigt, dass Brown spielen werde. Ardley nimmt diesen Pimmelpokal absolut nicht ernst. Neben Brown stand mit Huw Johnson überhaupt nur ein Spieler mit League 2-Erfahrung in der Startelf, die restlichen 9 waren Jugendspieler. Sutton dagegen mit der besten Elf inklusive Ex-Wimbledon-Kapitaen Jamie Stuart.
Über eine halbe Stunde vor Anstoß kam ich an und beobachtete Brown beim Aufwärmen in der langsam einbrechenden Dunkelheit. Schließlich war es soweit, der verlorene Sohn in seinem ersten Dons-Spiel nach 4 Monaten. Verfolgt haben diese in meinen Augen historische Rückkehr vielleicht 100 Wimbledon-Fans. Ihre Anzahl war aufgrund der Durschmischung allerdings schwierig einzuschätzen.
Wie nicht anders zu erwarten agierten die Dons sehr unsicher gegen die Vollzeitfußballer aus Liga 6. Nach 10 Minuten war es dann soweit, Brown mußte das erste mal hinter sich greifen. Eine Minute später konnte er zunächst parieren, doch der Nachschuß saß. Ich mußte nach 20 Minuten weg, da ich zum Badminton verabredet war. Ein Spiel vor dem Abpfiff zu verlassen ist natürlich noch unmöglicher, als zu spät anzukommen und geht eigentlich gar nicht, aber nun. Wäre Browns Einsatz nicht angekündigt worden, hätte ich den Weg und die 8 Pfund Eintritt gar nicht erst auf mich genommen. Beim Rausgehen kassierte Wimbledon Nummer 3 und auf dem Weg zum Badminton dachte ich Ogott, was für eine Rückkehr für den jungen Mann im Tor. Zur Pause stand es 5:0, dann kam immerhin ein weiterer Ergänzungsspieler der 1. Mannschaft rein.
Ich hingegen war an jenem Abend in ausgezeichneter Form. Henrik hatte gegen mein intelligentes, technisch sauberes Spiel keine wirkliche Chance. Nach der vorherigen Fünfsatz-Niederlage konnte ich die Kräfteverhältnisse wieder geraderücken: mit 4:1 wurde der schwedische Anwalt abgefertigt. In der Stunde meines Erfolgs dachte ich zurueck an Manchester im Mai 2011, an den bislang groessten Tag in der Geschichte der neuen Dons, der gleichzeitig die sportliche Sternstunde Browns war. Es gibt ein Photo, dass Seb und Team Manager Terry Brown zeigt. Die Arme gegenseitig um die Schulter des andern gelegt, der Torhueter offensichtlich voellig am Ende und mit Traenen in den Augen. Nur wenige Minuten zuvor war gegen Luton Town der Aufstieg in die Football League im Elfmeterschiessen klargemacht worden. Brown sagt zu diesen Augenblicken: „Als We are Wimbledon gespielt wurde, hat es mich einfach umgehauen. Ich stand unter Traenen, dachte an den langen Weg, das ganze Abenteuer. Wir hatten es innerhalb von 9 Jahren vollbracht, nur 9 Jahre, und es war einfach pure, rohe Emotion. Man kann es auf Photos in all den Gesichtern sehen, aber es war dieses Lied, das mir den Rest gab.“

Tatsachlich hatte die Reise – hier schliesst sich der Kreis – knapp 9 Jahre zuvor begonnen, und zwar in Sutton in ebendiesem Stadion, in dem Seb Brown nun verzweifelt versuchte, seine unerfahrenen, hoffnungslos unterlegenen Vorderleute zu dirigieren. Der Umzug des Wimbledon FC hatte sich mehr oder weniger angekuendigt. Als Milton Keynes‘ neuer Fussballverein dann am 29. Mai 2002 beschlossene Sache war, dauerte es nicht lange, bis Naegel mit Koepfen gemacht wurden. Ivor Heller, Kris Stewart und ein paar andere trafen sich in einer Bar am Wimbledon Broadway und planten die Wiederauferstehung. Innerhalb weniger Wochen wurde der AFC Wimbledon – unter dem Dach des Dons Trust – aus der Taufe gehoben, wurde ausgehandelt, in der Combined Counties League (der 9. Spielklasse) antreten zu koennen , wurde die Untermiete im Kingsmeadow klargemacht, wurde ein grosser Sponsoren-Vertrag mit Sports Interactive abgeschlossen, wurde mit Ex-Wimbledon-Spieler Terry Eames ein Team Manager verpflichtet. Zum oeffentlichen Probetraining erschienen 230 Fussballer, die Teil des Teams werden wollten. Durchgefuehrt wurde es im Park Wimbledon Common, dort wo der Wimbledon FC in der Anfangsphase ueber 100 Jahre zuvor seine Heimspiele bestritten hatte.

Den Weg ins Team fand unter anderem Glenn Mulcaire, genannt Trigger. Jahre spaeter versuchte er sich als Privatdetektiv und brachte es im Zuge eines Abhoerskandals zu gewissem Ruhm, in eher unvorteilhafter Rolle. Auch ist er der erste Torschuetze in der Geschichte des AFC Wimbledon, das Spiel bei Sutton United aber ging mit 0:4 verloren. Das war natuerlich vollkommen egal, die 4657 Zuschauer hatten so oder so Grund zum Feiern am Mittwoch, dem 10. Juli 2002. Sie hatten soeben das erste Spiel ihres totgeglaubten Vereins gesehen. Trigger hat mit angeblich 4744 sogar noch mehr Menschen telephonisch ausspioniert, als beim ersten Spiel zugegen waren. Nach weiteren Testspielen war der neue alte Verein am 17. August schliesslich endgueltig im Fussballgeschehen angekommen. 2449 Zuschauer sahen das erste Ligaspiel, einen 2:1-Auswaertssieg. Gastgeber Sandhurst Town, knapp 50km westlich von London beheimatet, hatte Wimbledon auf einem Ankuendigungsplakat als „The Real Dons“ empfangen. Uebrigens stellt dieses Spiel fuer Verein und Stadion bis heute den Zuschauerrekord dar. Ob unter den Zuschauern in Sutton und Sandhurst auch Seb Brown war, kann ich nicht sagen.

Fest steht, dass der damals 12-jaehrige Brown bereits zu diesem Zeitpunkt Wimbledon-Fan war und die ganze Reise mitgemacht hat. Er ist sicher der einzige Spieler im Kader, der nachvollziehen kann, was die Fans fuehlen. Denn er selbst kann es fuehlen. Zur Saison 2013/14 sitzt er immerhin wieder auf der Bank als zweiter Torhueter. Man kann nur hoffen, dass auch fuer ihn die Reise weitergeht und dieser frustrierende Abend in Sutton im April 2013 nicht sein letztes Kapitel in Sachen AFC Wimbledon gewesen ist. Das waere ein sehr unromatisches Ende, ueber das er sicher nicht derlei ergreifende Worte verlieren wird, wie ueber die Augenblicke nach dem grossen Aufstieg 2 Jahre zuvor.

seb brown im abseits

Seb Brown im Abseits. Beim Aufwaermen wirkt der Torhueter des AFC Wimbledon ein wenig verloren – das gleiche Bild bot sich spaeter im Spiel

Die Toiletten bei Sutton United sehen von aussen schon atemberaubend aus. Die Sprache verschlug es mir aber erst drinnen: Gehoert sicher zu den 10 schaebigsten Sanitaeranlagen, die ich bislang benuzten durfte.

Die Toiletten bei Sutton United sehen von aussen schon atemberaubend aus. Die Sprache verschlug es mir aber erst drinnen: Gehoert sicher zu den 10 schaebigsten Sanitaeranlagen, die ich bislang benuzten durfte.

Show me the Way to Plough Lane

Kingstonian FC – Enfield Town 1:2
Isthmian League Premier – 27. März 2013 (19:45 Uhr)
Kingsmeadow/ London – 214 Zuschauer

Nach ungefähr 50 Heimspielen des AFC Wimbledon nun also mein erster Besuch beim eigentlichen Stammverein des Kingsmeadow, der in der siebten Klasse spielt. Sah es vor ein paar Wochen noch gut aus in Richtung Aufstiegs-Playoffs, droht nun der Kontakt nach oben abzubrechen; die letzten Ligaspiele waren durchwachsen.

Mit mir diesmal Arbeitskollege Artur. Der interessiert sich nicht für Fußball, aber bei ihm zu Hause wurden bis in den späten Abend dringende Reparaturarbeiten verrichtet und er hatte nichts besseres zu tun. Außerdem hatte er am Vormittag erfahren, daß er befördert wird. Da auch ich endlich – allerdings bei einer Konkurrenzfirma – bald einen neuen Job anfangen würde, bot sich Trinken natürlich ohnehin an.
Zwar kamen wir pünktlich an, aber zum Alkoholverbot im Tribünenbereich kam eine immer noch abartige Kälte. So schauten wir nur 10 Minuten, dann verzogen wir uns in die Bar und schütteten ordentlich rein. Eine Handvoll Leute saß da ebenfalls rum, keine Ahnung, was die da wollten.Der Barmann, den ich bei Wimbledon-Spielen schon öfter gesehen hatte, war sichtlich überrascht, einen estisch-russischen und einen deutschen Gast zu begrüßen und erzählte uns ein wenig über den Kingstonian FC. Die Einnahmen aus dem Getränkeverkauf zum Beispiel würden brüderlich geteilt, wußte er zu berichten. Das gelte für Kingstons als auch für Wimbledons Spiele.

Ich lief ab und zu für ein paar Minuten nach innen, sprich nach draußen, um das Spiel zu sehen. Kingston ging kurz vor der Pause in Führung, das habe ich verpaßt. Die Gäste mit um die 30 Leuten im Tempest End, wo ansonsten der Wimbledon-Fanblock ist. Mit gelegentlichen Gesängen, durchaus akzeptabel, dabei natürlich meilenweit weg von brodelnder Kulisse. Einen Heimblock habe ich nicht identifizieren können, aber ich habe ja nichtmal eine halbe Stunde des Spiels beobachtet und wurde auch zunehmend betrunkener.

Im Zuge eines späteren des Spiels habe ich mal ein bißchen darauf geachtet, wie die beiden Vereine im Kingsmeadow zusammenleben. Insgesamt kommt es mir – so mein Fazit – schon so vor, als wäre der Kingstonian FC Gast im eigenen Heim (das sie allerdings auch erst seit 1989 haben). Während Wimbledons Trophäenschrank gut sichtbar im Gang ist, habe ich Kingstons Bling-Bling erst nach langem Suchen in einer kleinen versteckten Ecke gefunden. Während Wimbledon den großen und geräumigen Fanshop nutzt verkauft Kingston Merchandise und Busfahrkarten in der Halbzeitpause aus einen Kabuff mit etwa 5 Quadratmetern. An der Außenwand des Stadions ist zwar Platz für eine große Kingstonian FC-Graphik, direkt darüber jedoch Werbung für einen Sponsor der Dons, welcher verkündet, daß er auf diesen Umstand sehr stolz sei.
Keine Ahnung, wie es mit der Aufteilung der übrigen Räumlichkeiten wie z.B. Büros aussieht. Fest steht, daß der Platz arg begrenzt ist und mehr vonnöten wäre. Aktuell sprengt der EPPP alle zur Verfügung stehenden Rahmen. Der EPPP (Elite Player Performance Plan) ist das neu eingeführte Jugendförderungskonzept der FA, und verursacht laut Vereinsmitteilung einen immensen bürokratischen Aufwand.

Wie also ist das Verhältnis der beiden Anwohner des Kingsmeadow zueinander? Ich kann es nicht sagen. Letztlich wird es am Ende wohl ambivalent sein, wie so vieles im Leben. Bei meinem bislang einzigen Auswärtsspiel der Kingstonians (Derby bei Hampton & Richmond Borough – Geheimtip: Man konnte sogar am Spielfeldrand unbehelligt alkoholische Getränke konsumieren. Sensationell!) erspähte ich Wimbledons Ivor Heller und wertete dies als Zeichen für eine herzlich Beziehung der Clubs zueinander. In der zweiten Hälfte jedoch begann der kleine Kingston-Mob ganz anständig zu singen und so stellte ich mich dicht daneben. Dabei gab es unter anderem Schlachtrufe gegen Sutton United und Fleet Town auf die Ohren und eben auch zwei Anti-Wimbledon-Gesänge: „And Wimbledon is full of shit“ sowie „There’s only one Club in Kingston“.

Damit wiederum gehen die Anhänger des Siebtligisten mit den Wombles konform. Denn diese sehen sich auch nach über 10 Jahren keineswegs in Kingston beheimatet. Vor ein paar Jahren gab es im WUP eine Umfrage, wo das Zuhause der Dons sei bzw. sein sollte. Sehr wenige Antworten besagten, daß das Kingsmeadow nun die neue Heimat sei. Einige entschieden sich für Merton, die meisten der Fans machten dagegen unmißverständlich klar, daß ihr Verein nach Wimbledon gehört und nirgendwo anders hin. Nun, das ist angesichts der Geschichte und vor allem des Vereinsnamens auch nicht wirklich überraschend.

Plough Lane, die Straße des alten Stadions, ist tatsächlich allgegenwärtig und von immenser Bedeutung. Ähnlich wie der Oldenburger Stadtteil Donnerschwee, wo der VfB Oldenburg bis in die frühen 90er Jahre spielte, wird die alte Heimat – vielleicht in noch stärkerer Verklärung – unverhohlen sentimentalisiert. Bei jedem Spiel ertönen mehrere Gesänge, die den Mythos beschwören: “Walking down the Haydons Road to see the Womble Aces/ ooh yes, should’ve seen us coming/ everywhere was yellow n blue n everyone was running/ all the lads and lasses, smiles upon their faces/ Walking down the Haydons Road to see the Womble Aces.“ Oder auch das bereits angeführte und wunderschöne „Show me the way to Plough Lane“, das mich immer wieder in Verzückung setzt. Wimbledons Maskottchen – so überflüssig und nervig es auch ist – hört immerhin auf einen annehmbaren Namen. Es heißt nach der Straße, die zum alten Ground führte, schlicht „Haydon“ und wird jedesmal vom selben mürrisch dreinblickenden Typen durchs Stadion geführt.
Die Heimatlosigkeit des Wimbledon FC begann lange vor dem Umzug nach Milton Keynes, nämlich im Jahre 1991. Die Heimspiele nämlich wurden fortan im Selhurst Park ausgetragen. Dieser liegt in Croydon, im sentral-südlichen London und angestammter Platzhirsch ist der Crystal Palace FC. Über 2 Jahrzehnte lang nach der Gründung 1889 fanden die Heimspiele hauptsächlich in Wimbledon Common, einem Park im nördlichen Wimbledon, statt. 1912 dann ging es an die Plough Lane, dieses Stadion kann also ohne große Umschweife als die seelische Heimat des Vereins ausgemacht werden. Jedoch konnte der Spielort im Zuge der Entwicklungen im englischen Fußball nicht gehalten werden. Nach der Katatrophe von Hillsborough mit seinen 96 Toten und dem anschließenden Taylor-Report veränderten sich die Anforderungen an die Stadien. Erhebliche Summen hätten investiert werden müssen, um diesen Auflagen gerecht zu werden, Geld das nicht da war. Heute wissen auch die letzten Zweifler, daß die 96 nicht das Resultat randalierender Fußballfans waren und daß auch nicht die bloße Existenz von Stehplätzen zur Tragödie führten. Im Jahre 2012 kam die Wahrheit ans Licht: Ordnungsdienst, Rettungsdienst und allen voran die Polizei versagten auf ganzer Linie. Die Polizei selbst hatte entsprechende Dokumente jahrzehntelang unterdrückt und gar eigene Augenzeugenberichte frei erfunden. Im Nachhinein betrachtet verlor der Verein sein Stadion also aufgrund von massiven kriminellen Machenschaften innerhalb der Behörden. Wer einen Schritt weitergehen möchte, kann sicher auch ohne Probleme die Linie zum modernen englischen Fußball im Gesamten ziehen. Akteure mit höchster krimineller Energie in Polizei und Politik haben dazu beigetragen, daß die Leute ihres Fußballs beraubt wurden. All die kaputten Auswüchse, die Englands degenerierten Profifußball zu einer ekelhaften Maschinerie, einer Schande werden lassen, auf die man bestenfalls spucken möchte – all das basiert zum guten Teil auf dreisten Lügen skrupelloser Arschlöcher, die den Tod von 96 Menschen, die uferlose Trauer der Hinterbliebenen und die von schweren Traumata geprägten Lebensläufe vieler Überlebedender schamlos für ihre ihre schmutzigen Interessen mißbrauchen! Wer da keinen unbändigen Haß in sich aufsteigen spürt, dem ist nicht mehr zu helfen…

Aber nun, hier soll es schließlich um Wimbledon gehen. Als Gründungsmitglied der Premier League haben sie also ein paar Jahre ebendort mitgespielt, in Croydon, bis sie sich schließlich finanziell übernahmen und abstiegen. Bis 1998 kickte immerhin die Reserveannschaft an der Plough Lane, dann wurde das Grundstück samt Stadion schließlich an eine Supermarktkette verkauft. Zunächst war unklar, was geschehen würde, 2002 – im Jahr der Vereins-Neugründung – wurde das Stadion schließlich abgerissen. Anfangs drückte Ivor Heller noch die Hoffnung aus, eine Tages an den angestammten Platz zurückkehren zu können, dort, wo nun eine Stadionruine stand. 2008 schließlich wurden an der Stelle des alten Stadion jedoch Wohnhäuser errichtet. Damit hat sich alle Hoffnung, an die seelische Heimstätte zurückzukehren, zerschlagen. Ein kleines, wenn auch schwaches Trostpflaster bringt die Namensgebung der Gebäude mit sich: Das „Lawrie House“ ist benannt nach Lawrie Sanchez, der 230 Spiele für die Dons bestritt und 1988 das goldene Tor im FA-Cup-Finale gegen Liverpool erzielte, und Namesgeber für das „Stannard House“ ist Harry Stannard, ein Torjäger aus den 1940er-Jahren.

Als der AFC Wimbledon 2002 im Schnellverfahren gegründet wurde, mußte schließlich ein neue Spielstätte her. Schnell entstand der Kontakt zum Kingstonian FC bzw. dessen Eigentümer, der sich mit dem Verein scheinbar aussichtslos überschuldet hatte. Der Kingstonian FC war erst im Jahre 1989 ins Kingsmeadow gezogen, nachdem das traditionelle Stadion, der Richmond Home Ground, ebenfalls im Zuge des Taylor-Reports nicht mehr haltbar war. Kingston hatte seine große Zeit direkt vor dem Kollaps. 1999 und 2000 wurde die FA Trophy gewonnen, das ist nach dem FA Cup und dem League Cup immerhin der drittwichtigste Pokalwettbewerb; beim zweiten mal übrigens im (alten) Wembley-Stadion. 2001 ging es im FA-Cup bis in die 4. Hauptrunde, wo sie Bristol City denkbar knapp unterlagen. Später, 2006, haben sie ironischerweise den AFC Wimbledon im Finale irgendeines Pimmelpokals mit 1:0 bezwungen. Die Stadionmiete bezahlen sie mit der Austragung eines jährlichen Testspiels in der Sommerpause, dessen Einnahmen das Konto der Dons füttern. Hieß der Gegner in den ersten Jahren stets AFC Wimbledon, sind es nun wechselnde Vereine.
Wie erwähnt kann und wird der AFC Wimbledon das Kingsmeadow niemals als Heimstätte akzeptieren. Über kurz oder lang muß der Verein zurück nach Wimbledon, das steht außer Frage, auch wenn das Kingston Council den Verein dazu drängt, sich zum Kingsmeadow als dauerhafter Heimstätte zu bekennen. Der Vorstand hat den Umzug nie aus den Augen verloren. Bereits 2011 ließ Chairman Erik Samuelsson verlauten, man stehe in ständigem Kontakt mit dem Merton Council. Es sei ein langfristiger Traum, doch es gebe ganze drei konkrete Möglichkeiten, die geprüft würden. Um die Spekulationspreise nicht unnötig in die Höhe zu treiben, wurde nicht mitgeteilt, um welche Grundstücke es sich dabei handelte. Schon damals galt unter der Hand das Wimbledon Stadium als bevorzugtes Objekt der Begierde.Im Jahr 2012 schließlich gab Samuelson unumwunden preis, daß das Hunderennen-Stadion nahe der Grenze zu Tooting nach aktuellem Stand die bevorzugte Option ist. Es liegt nur 100 Meter entfernt vom abgerissenen Stadion an der Plough Lane.

Das Wimbledon Stadium ist der bedeutendste Ort für Hunderennen in England. Außerdem finden dort hin und wieder Stock Car- und Speedway-Rennen statt. Ich habe es bislang nur von außen gesehen, doch es bietet immerhin bis zu 8.000 Zuschauern einen Sitzplatz sowie diverse Bars und kleine Restaurants im Tribünenbereich. Übrigens haben bis 1991 in diesem Stadion über 60 Jahre lang die „Wimbledon Dons“, ein traditioneller Speedway-Verein, ihre Rennen ausgetragen. Natürlich ist diese Sportart heute und auch in jüngerer Vergangenheit hier nicht so groß und faszinierend wie in Polen. Ende der 40er-Jahre allerdings strömten massive 30.000 Leute zu den Rennen, das muß schon ein krasses Spektakel gewesen sein.Beim ersten Rennen nach dem 2. Weltkrieg (von dem übrigens auch die jüngeren Engländer in guter Tradition absolut besessen sind) sollen es gar 42.000 gewesen sein, plus 10.000, die draußen vor verschlossenen Toren bleiben mußten.

Soweit so gut, könnte man meinen. Doch obwohl das Merton Council ernsthaftes Interesse daran zu haben scheint, dem AFCW zu helfen, ist das kein Projekt, das sich mal eben nebenbei bewerkstelligen läßt. Ganz billig wäre das Teil nicht, und dann sind auch die Maße ein Problem. Diese sind nicht auf Fußball ausgelegt. Das Stadion müßte teilweise abgerissen und wieder aufgebaut werden. Und als Viertligist mit einem Zuschauerschnitt von unter 4.000 hat der Verein auf absehbare Zeit weder das Geld noch das Prestige, um ein solches Mammutprojekt bewerkstelligen zu können.
Samuelson beschreibt den Umzug nach Wimbledon wie gesagt als einen langfristigen Traum. Dennoch wird bereits konkrete Arbeit in dessen Verwirklichung investiert. Im Mai 2013 wurde von den Dons Trust-Mitgliedern mit nur wenigen Gegenstimmen entschieden, das vom Vorstand vorgeschlagene Konzept formell zu beschließen. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Community Share Scheme. Dabei wird Geld gesammelt, und mit diesem Geld hat man dann – wenn das Stadion denn irgendwann gekauft wird – einen Anteil an diesem, theoretisch. Praktisch gehört das Stadion dem Verein, auch finanziell hat man mit seinem Anteil keine Ansprüche. Die Frage-und-Antwort-Runden dazu habe ich selbst nicht mitgemacht, ich konnte es nur anhand des Protokolls und den FAQ zu diesem Thema nachverfolgen. Es muß für den einen oder anderen etwas verwirrend gewesen sein. Zusammengefaßt – so habe ich es verstanden – zahlt man seinen Beitrag zum Stadion. Wenn es soweit ist, hat es hohe Priorität, den Anlegern ihr Geld möglichst schnell zurückzuzahlen. Eine rechtliche Garantie jedoch, wann oder ob überhaupt man sein Geld wiedersieht, gibt es nicht. Das ist wohl ungefähr so wie mit bestimmten Freunden, von denen wohl jeder ein paar hatte in Jugendzeiten. Nach dem Motto „Kannst Du mir nen Zehner leihen, ich brauch noch Kippen und Cola“, oder auch „Kann ich bitte von Deinem Peace was mitrauchen, ich hol mir morgen was und dann ziehen wir uns das zusammen rein“. Man wußte genau: Der Freund wird eventuell versuchen, seine Schulden zu begleichen, doch dabei wird es sehr wahrscheinlich auch bleiben. Samuelson dagegen betonte glaubwürdig, daß die Gelder zurückgezahlt werden sollen, machte aber eben auch deutllich, daß niemand Beträge investieren sollte, auf die er angewiesen ist.

Nun, schauen wir, wie es sich entwickelt. Im Kampf um den Klassenerhalt wurde auch erwähnt, daß die Vermeidung des Abstiegs aus der Football League gerade hinsichtlich des Stadion-Traum eine riesengroße Katastrophe wäre und mit allen Mitteln abgewendet werden müsse. Wie die sportliche Entwicklung in den nächsten Jahren weitergeht, bleibt abzuwarten. Jedoch kratzt der Verein an seinem finanziellen Limit und hat sehr zu kämpfen. Das Kingsmeadow haben sie schon mehrfach ausgebaut, zuletzt im Sommer 2012, als die kleine Stehplatztribüne am Kingston Road End durch eine größere mit Sitzplätzen ersetzt wurde. Man mußte der vorgegeben Mindestanzahl an Sitzplätzen sowie der Gesamtkapazität gerecht werden. Weitere Bauarbeiten müssen zumindest mittelfristig durchgeführt werden, um allen Auflagen gerecht zu werden. Das kostet Geld, und zwar nicht wenig. Es geht bereits für das kleine Kingsmeadow um Millionenbeträge.

Werden wir es eines Tages erleben? Daß die Fans des Kingstonian FC singen „There’s only one club in Kingston“ und damit recht haben? Weil die Dons ihrem Vereinsnamen gerecht werden und nach langer langer Reise endlich wieder nach Hause kommen?
Ich persönlich befinde mich derzeit in einer Situation, in der die Frage, wohin es mich zieht oder auch nicht zieht sehr akut und schwierig zu beantworten ist. Ich hoffe, daß alles ein gutes Ende nimmt, ich die richtigen Entscheidungen treffen und meine Träume in Erfüllung gehen (sobald ich denn weiß, was meine Träume genau sind). Sollte ich nicht in London alt werden – und auch nicht frühzeitig sterben – werde ich sicher irgendwann mal wieder auf ein Spiel vorbeikommen. Werden die Wombles dann zuhause sein? Werden sie aufgegeben haben und ihre Heimatlosigkeit resignierend hinnehmen? Werden sie ihrem Traum immer noch verfolgen und weiter der verlorenen Heimstätte nachtrauern? Werde ich wieder den wunderschönen, euphorisch intonierten Gesang hören? Der mich jedesmal auf wundersame Weise berührt und zum Strahlen bringt, obwohl der Inhalt doch so schwermütig ist – mit leicht abgewandeltem Text?

Show me the way to Plough Lane
I’m tired and I wanna go home
I had a football ground 40 years ago
and I want one of my own
Wheeeerever I may roam
To Selhurst Park again – fucking dumb
You will always hear me singing this song

Show me the way to Plough Lane – Naa Naa Naaaa

Hallo Penis!

Zwar habe ich inzwischen ein Smartphone mit halbwegs brauchbarer Kamera. Doch wenn man sich einen in die Rüstung kippt, kommen trotzdem interessante Bilder dabei raus.

Hallo Penis!

Tja, was soll man dazu sagen. „Der AFC Wimbledon ist ein gutes Beispiel für einen Verein, der finanzielle Interessen über Ideale stellt“? Naja, das wäre dann doch ein bißchen des Guten zuviel. Und wenn schon, dann „über Ideale hängt“.

Pimmelmist

Das Infobrett des Kingstonian FC. Der AFC Wimbledon hat ein Brett im exakt gleichen Format. Plus ein weiteres, das doppelt so groß ist und mit großen Hochglanz-Flyern und gar Postern bestückt wird.